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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2017
Wer ist Herr im Hirn?
Der Streit um den freien Willen
Der Inhalt:

vorgespräch: Was lässt uns erröten?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 24.02.2017
Das Hygiene-Museum Dresden zeigt eine Ausstellung zum Thema Scham. Kurator Daniel Tyradellis über »100 Gründe rot zu werden«

Publik-Forum: Herr Tyradellis, Scham ist ein eher unangenehmes Gefühl. Wieso widmen Sie dem eine ganze Ausstellung?

Daniel Tyradellis: Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, in der Scham Konjunktur hat. Wir erleben gesellschaftliche Entwicklungen – Stichwort Populismus und Rechtsradikalismus –, die zum Schämen sind. Und man wundert sich, dass andere sich nicht dafür schämen. Dieses Fremdschämen ist ein wichtiges Thema der Ausstellung. Schäme ich mich beispielsweise dafür, was Europa durch seine Politik in anderen Teilen der Welt anrichtet?

Über Themen wie Sexualität wird heute unbefangen gesprochen. Hat das Schamgefühl in unserer Gesellschaft nachgelassen?

Tyradellis: Nein, Scham verändert nur ihr Gesicht. Die Scham rund um das Thema Sexualität hat nachgelassen, aber Scham, die auf eine soziale Verfasstheit abzielt, ist heute viel ausgeprägter als vor hundert Jahren. So schämen sich heute viele Menschen dafür, arm zu sein, das »falsche« Handy zu benutzen – oder klassische Musik zu hören. So etwas kann gefühlt tödlich sein, wenn das in der Clique nicht angesagt ist. Auch soziale Ungerechtigkeit – wenn man zum Beispiel in der U-Bahn von einem Bettler um Geld gebeten wird – lässt viele peinlich berührt zurück.

Was gibt es in der Ausstellung zu sehen?

Tyradellis: Die Ausstellung trägt den Titel »100 Gründe rot zu werden«, und zu jedem dieser hundert Gründe gibt es mindestens ein Exponat. Mal ist das ein medizinisches Messgerät, das anhand der Hautrötung versucht, Scham zu messen, mal ein Roboter, der stellvertretend für einen Menschen bettelt, mal die Abbildung einer überdimensionalen Vagina oder eine Hörstation, die deutlich macht, wie tief Scham ins Innere unserer Seele eingreift.

Und die Besucher werden miteinbezogen?

Tyradellis: Ja, sie können durch installierte Blickachsen ständig von anderen Besuchern beobachtet werden – beispielsweise wenn sie eine Filmsequenz über nackte Schweden in der Sauna ansehen. Wer bemerkt, dass einem jemand dabei zusieht, fühlt sich ertappt. Und wenn das eigene Gewicht heimlich gemessen und für alle sichtbar an die Wand projiziert wird, läuft der eine oder andere rot an.

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