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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2016
Martin Luther: Der zweifelhafte Freiheitsheld
Der Inhalt:

Flucht und Lügen

Roman. Die namenlose Ich-Erzählerin in diesem Roman arbeitet in einer »Lügenfabrik«. So nennt sie die französische Asylbehörde, in der es zwei Arten von Menschen gibt: Auf der einen Seite die Beamten, die über das Schicksal der Flüchtlinge entscheiden, auf der anderen Seite Menschen aus aller Welt, die geflohen sind vor Dürre und Überschwemmungen, vor Kriegen oder einfach vor der Hoffnungslosigkeit in ihrer Heimat. Die Ich-Erzählerin ist – wie die Autorin Shumona Sinha – vom indischen Subkontinent nach Frankreich eingewandert. Nun dolmetscht sie für die Beamtinnen, was die Asylsuchenden über ihre Fluchtgründe zu Protokoll geben.

Doch das ist ein schwieriges Unterfangen, da die Franzosen kaum eine Ahnung haben von dem, was Menschen außerhalb der Zone des Wohlstands blühen kann. So vielschichtig sind die Fluchtgeschichten, dass die, die sie erzählen, sich zwangsläufig in Lügen verfangen, wenn sie versuchen, sie so zu vereinfachen, dass Europäer sie verstehen.

Die Dolmetscherin steckt deshalb in einem Dilemma: Soll sie mit ihrer Übersetzung die Unebenheiten und Widersprüche deutlich machen – oder soll sie sie heimlich glätten? Der psychische Druck, unter dem sie steht, entlädt sich schließlich gewaltsam: Als sie in der U-Bahn von einem Flüchtling bedrängt wird, der sie wiedererkannt hat, zieht sie dem hasserfüllten Mann eine Weinflasche über den Kopf.

Ihr atemloser Monolog ist eine Rechtfertigung dieser Tat, auf die auch der Titel »Erschlagt die Armen!« anspielt. In dem gleichnamigen Gedicht beschrieb 1865 der französische Schriftsteller Charles Baudelaire, wie ein Mann einem Bettler auf den Kopf schlägt.

Shumona Sinha wu