Buchbesprechungen
Neue Sachbücher

Wolfgang Beinert
Die Form der Reform
Pustet. 240 Seiten. 24 €
Der Titel benennt das Anliegen akademisch-trocken: Mit einer Reform der katholischen Kirche müsse deren Grundgestalt (Form) »jesuanischer« werden – wahrhaftiger, emphatisch-barmherziger und katholischer in dem Sinne, dass die innere wie die ökumenische Einheit mit der Vielfalt unterschiedlicher Glaubensweisen verbunden wird. Es bedeute auch, die Machtkonzentration auf einen (unfehlbaren) Papst mitsamt einer rigiden Einforderung des Glaubensgehorsams aufzubrechen. Beides trage zur aktuellen Krise der Kirche bei. Zentral ist für den renommierten Dogmatiker daher auch die Frage, inwieweit kirchliche Gesetze und Lehren überhaupt von den Gläubigen rezipiert werden. Dies sei bei der kirchlichen Sexualmoral und der Rolle der Frauen längst nicht mehr der Fall, wie Beinert überzeugend verdeutlicht. Mit seinen dogmatischen und historischen Hinweisen und Argumenten untermauert der Autor die Notwendigkeit von Reformen. Und redet zugleich den Kirchenführern ins (theologische) Gewissen. Hartmut Meesmann
Alena Buyx
Leben & Sterben
Die großen Fragen ethisch entscheiden.
S. Fischer. 304 Seiten. 24 €
Die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates lädt ein, sich aus medizinethischer Sicht mit den großen Fragen zwischen Leben und Tod zu beschäftigen. Anschaulich und gut verständlich beschreibt sie die kleinen und großen Aufgaben des Klinikalltags. Was steht auf dem Spiel und wie kann es gut werden? Situationen am Lebensanfang und -ende und mittendrin verdeutlichen, welch ein enorm anspruchsvolles, aber auch befriedigendes Geschäft die medizinethische Bearbeitung der hiermit verbundenen (Behandlungs-)Entscheidungen ist. Befriedigend, weil gemeinsam und strukturiert nach ethisch tragfähigen Lösungen gesucht wird. Das gilt nicht nur für individuelle Krankheitsfälle, sondern auch für die anderen großen Fragen neuer Zukunftstechnologien wie KI und Robotik. Alena Buyx macht deutlich, was die Versorgung in unserem Gesundheitswesen für unser Zusammenleben bedeutet. Ihr Buch appelliert nicht nur, es liefert auch die nötigen Informationen. Arne Manzeschke
Wilfried Härle
Ja, Aber!
De Gruyter. 186 Seiten. 29,95 €
Der Heidelberger evangelische Theologe Wilfried Härle hat Dialogerfahrung. In seinem »Streitgespräch zwischen Glauben und Zweifel« referiert A das, »woran ich als evangelischer Christ glaube«, B bezweifelt dies und stellt es infrage. Zentrale Glaubensinhalte wie Gott, Schöpfung und Gebet kommen so fair und abwägend zur Geltung. Mit Witz und Ironie werden auch die Lesenden mit in das Gespräch einbezogen. Dabei ist nicht beabsichtigt, dass diese sich entweder den Argumenten von A oder B anschließen. Im Dialog der Lesenden mit dem Buch kann durchaus Neues entstehen. Eine kurzweilige Lektüre mit der Chance, die eigene Position begründet zu leben und zu bedenken. Wolfgang Pauly
Ruth Elisabeth Kunzmann
Religiöse Muße
Königshausen & Neumann. 298 Seiten. 39,80 €
In ihrer Doktorarbeit will die Religionswissenschaftlerin klären, ob die Muße mit dem Rückgang der Religionen und ihrer Zeiteinteilung verschwindet oder ob religiöse Muße auch unter heutigen Möglichkeiten (Stichwort: Sonntag, Sabbatical) erreichbar ist. Akribisch untersucht sie den Begriff »Muße« bei Aristoteles, den Sabbat und seine biblische Begründung als Musterbeispiel für religiöse Muße, den Sonntag im christlichen Sinn und im Rahmen heutiger gesetzlicher Bestimmungen und Ruhemöglichkeiten in der Auszeit (Sabbatical). Die Antwort auf ihre Forschungsfrage überrascht niemanden, der den schwindenden Einfluss der Religionen in unserer Gesellschaft zur Kenntnis nimmt. So muss die Autorin feststellen, dass lediglich im sonntäglichen Gottesdienst noch »religiöse Muße« als Zeit ohne Arbeit und die Möglichkeit, in Ruhe zu sich selbst zu kommen, gefunden werden kann.

Helmut Jaschke
Rob Riemen
Über wahre Größe
Europa. 144 Seiten. 18 €
Der Faschismus setzt sich durch: Davon ist der niederländische Publizist und katholische Theologe überzeugt. Er wehrt sich dagegen mit der Kraft der Dichtung. Der Direktor des »Nexus«-Forschungsinstituts in Amsterdam bemüht sich, den in den Niederlanden traditionsreichen Humanismus zu beleben. Er scheute auch nicht die Auseinandersetzung mit dem rechtsradikalen Politiker Geert Wilders. In seinem neuen Buch lässt er – wie in einem Traum – die antike Muse Clio für die grundlegenden, ewigen Werte des Humanismus plädieren. Mit zahlreichen Dichtern der fernen und nahen Vergangenheit wird für Gerechtigkeit, Wahrheit, Klugheit geworben. Der »Adel des Geistes« wird als Ziel beschworen, doch konkrete Übersetzungen ins Heute fehlen. So ist das Buch eher ein erbaulicher Appell, die Demokratie niemals zu verraten. Christian Modehn
Steffen Martus
Erzählte Welt
Rowohlt Berlin. 700 Seiten. 38 €
Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute – das ist der zu eng gefasste Untertitel dieses ausgezeichneten Buches. Es geht vor allem darum, welche Bedeutung die Gesellschaft der Literatur zubilligt, es geht um die Reaktion Schreibender auf die sich verändernde Gesellschaft. Zwar tauchen viele bekannte Autoren nicht auf, aber der Literaturstreit um Christa Wolf, das sogenannte Fräuleinwunder, die Bedeutung von Migrationsliteratur sowie die Pop- und Cyberliteratur und die Eventisierung der Literatur werden gründlich dargestellt. Martus, Professor für Neuere deutsche Literatur, behandelt Debatten um Sprachgerechtigkeit, begründet die Ausweitung von sprachlichen Kränkungszonen und von zunehmenden Kränkungsrisiken. Er ist zuversichtlich, dass weiterhin gelesen werde, wie er am Beispiel der New-Adult-Literatur beschreibt. Aber die Literatur hat ihr Ansehen als gesamtgesellschaftliches Phänomen verloren. Infolge der digitalen Medien wird anders gelesen und die Literatur wird anders, oft auf digitalen Plattformen beurteilt. Jürgen Israel
Lukas Sparenborg/Darrel Moellendorf (Hg.)
Klimaethik
stw 2441. 510 Seiten. 30 €
Klimawandel klingt harmlos und beschwichtigend. Klimakrise klingt schon anders. In manchen Landstrichen hat das Klima inzwischen eine soziale Katastrophe ausgelöst, etwa wenn Inseln überschwemmt bleiben oder die zunehmende Dürre Landwirtschaft verunmöglicht. Nicht zu vergessen die individuelle Katastrophe, wenn der Kreislauf des Körpers angesichts der Hitze kollabiert und die Wohnung kaum noch Schutz bietet. Klimagerechtigkeit ist dennoch nicht in Sicht, eher verschärfen die Besitz- und Tech-Eliten die Ungerechtigkeiten. Der Politikprofessor Darrel Moellendorf und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Lukas Sparenborg haben nach einer furiosen Einleitung einen Reader mit Texten diverser Autoren und Autorinnen von 1979 bis 2021 zusammengestellt, die den Herausforderungen durch Analysen und Perspektiven für eine »Klimaethik« entsprechen, viele erstmals auf Deutsch. »Klimawandelflüchtlinge« werden uns zwingen, das Flüchtlings- und Asylrecht zu erweitern. Und mehr Solidarität zu lernen. Norbert Copray




