Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2020
Populisten
Warum sie gewählt werden
Der Inhalt:

Die Welt als Kampfplatz statt als Heimat

von Herbert Renz-Polster vom 31.01.2020
Wer als Kind von seinen Eltern schlecht behandelt wurde, ist anfällig für politischen Autoritarismus

Die gängige Deutungskette des Rechtspopulismus weist eine entscheidende Lücke auf: Warum sollte die Antwort auf sozioökonomische Verluste oder kulturelle Entfremdung ausgerechnet in einer autoritären Reaktion liegen? Muss jemand, der oder die sich ausgeschlossen fühlt, deshalb andere ausschließen? Viele »Modernisierungsverlierer« können der Verlockung von rechts ja offenbar problemlos widerstehen. Umgekehrt begegnen einem auf der autoritär-rechten Seite viele Leute, die eindeutig nicht zu den Verlierern zählen. Warum bleiben die rechten Ideen bei manchen haften, bei anderen aber nicht – bei identischen äußeren Einflüssen?

Und auch das passt nicht ins Bild: Wenn der Wurzelgrund für den Rechtsruck wirklich in Abstiegsängsten oder sozioökonomischen Verlusten zu suchen wäre, dann wäre von der rechten Programmatik doch eines zu erwarten: dass sie sich um eine bessere Absicherung der Verlierer, um soziale Gerechtigkeit, um wohnliche Städte und Gemeinden und so weiter dreht. Stattdessen geht es um die Abwehr von Ausländern und Flüchtlingen – auch dort, wo es kaum Ausländer gibt. Neuerdings geht es auch um die Abwehr des Wolfes. Und es geht um Identitätsfragen: gender, sexuelle Orientierung, ethnische und nationale Zugehörigkeit, Religion und so weiter.

Genau dieses Muster – Identität statt Realität, Angst statt Zuversicht – gibt einen ersten Hinweis, wo das fehlende Deutungsglied zu suchen ist. Denn rüttelt und schüttelt man die Agenda der neuen Rechten, so ordnen sich die Themen um die immer gleichen Grundmotive: um Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit. Make America great again! Take back control! (Amerika wieder groß machen; die Kontrolle zurückgewinnen.) Mauern bauen! Endlich eine Stimme haben! Teil einer stolzen Nation sein!

Diese Themen führen direkt zu dem Haftgrund, der darüber entscheidet, ob die autoritäre Verführung greifen kann – oder nicht. Sie führen in die Kindheit. Also dorthin, wo wir tatsächlich unser erstes »Gesellschaftsmodell« kennenlernen – samt der dazugehörigen »Regierungsform«. Und was verhandeln Kinder in diesem Rahmen? Genau die Themen, die nun politische Brisanz annehmen: Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit! Das ist ja die alltägliche Agenda eines Kindes: Bin ich okay? Werde ich geschützt, wenn ich in Not bin? Kann ich mitgestalten oder muss ich immer tun, was andere mir vorgeben? Bin ich der Welt gewachsen o

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen