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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

Vorgespräch: Morde von Moskau bis Melbourne

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 25.01.2019
Warum faszinieren Krimis so sehr? Fragen an Thomas Wörtche, Kurator der Litprom-Literaturtage in Frankfurt

Publik-Forum: Herr Wörtche, Krimis gehören in der ganzen Welt zur meistgelesenen Literatur. Wie erklären Sie sich das?

Thomas Wörtche: Das liegt daran, dass wir in der Welt, wie sie ist, pausenlos auf kriminelle Strukturen treffen. Dass dies dann zu Literatur wird, ist nicht verwunderlich. Kriminalität ist ja ein Normalzustand.

Das ist aber eine steile These …

Wörtche: Finden Sie? Überall in der Welt geschehen doch täglich Wald-und-Wiesen-Beziehungstaten, und wir haben es häufig mit kriminellen Strukturen in Wirtschaft und Politik zu tun. Nehmen Sie nur den Dieselskandal: Der erfüllt sämtliche Kriterien des organisierten Verbrechens.

Autorinnen von Südafrika bis Südkorea geben Sie Ende Januar ein Forum. Welche Themen treiben Krimiautoren weltweit um?

Wörtche: Das sind oft lokale Probleme, die global gültig sind. In Brasilien ist das zum Beispiel die männlich dominierte Gesellschaft, während in südafrikanischer Literatur die Enttäuschung durch die Post-Mandela-Regierung durchscheint und damit große Themen wie Demokratie und Freiheit. Kriminalliteratur gewährt also immer auch Einblicke in den Zustand einer Gesellschaft. So gibt es in der Kriminalliteratur der Türkei keine »guten« Polizisten …

Wieso werden Krimis immer brutaler?

Wörtche: Ich habe den Eindruck, die Spirale des »noch brutaler, noch grausamer, noch niederträchtiger« wird langsam schon wieder zurückgedreht. Das ist ja reine Überbietung und hat mit dem »Brutalitätslevel« der realen Welt nichts mehr zu tun. Serienkiller sind in Wahrheit vielleicht für 0,0003 Prozent aller Verbrechen verantwortlich, aber in der Literatur für achtzig Prozent.

Wieso erleben Regionalkrimis einen Boom?

Wörtche: Weil sie nicht wirklich erschreckend sind, sondern im Gegensatz zu echter Kriminalliteratur oft banal. Die Figurenkonstellation ist häufig plump an Tatort& Co. angelehnt. Diese Krimis werden unter touristischen Gesichtspunkten verlegt, deshalb spielen sie meist in schönen Gegenden wie im Chiemgau – und nicht auf dem öden Land. In Regionalkrimis ist die Frage, was es im Dorfkrug zu essen gibt, meist wichtiger als die literaris

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