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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

KOLUMNE Von Fabian Vogt: Geschenkt

vom 25.01.2019

Endlich mal wieder Männerkreis. Alle sind nach den Feiertagen gut gelaunt und erzählen irgendwelche skurrilen Weihnachtsanekdoten – und davon, welche hässlichen Geschenke sie unbedingt noch umtauschen müssen. Nur Andreas guckt plötzlich total bedröppelt.

»Was’n los?«, frage ich ihn.

Er druckst ein bisschen rum, aber als ihn alle dezent neugierig anstarren, rückt er schließlich doch mit der Sprache raus: »Na ja, von wegen Geschenke: Morgen sehe ich einen meiner Kollegen wieder … den mag ich gar nicht besonders. Aber der Typ hat mir ein Riesen-Weihnachtsgeschenk gemacht. Eine schicke Uhr, die ich mal nebenbei in einem Gespräch erwähnt hatte. Ziemlich teures Teil. Was mache ich denn jetzt?«

»Äh, dich freuen!«, schlage ich vor, aber Andreas schüttelt nur abwehrend den Kopf: »Ich … also … ich habe ihm halt überhaupt nichts geschenkt. Wie soll ich dem denn jetzt unter die Augen treten? Das ist echt eine total bescheuerte Situation.«

»Na, dann kauf ihm eben auch noch was, ein teures Rasierwasser oder so, da gibt es jetzt was Cooles von Giorgio Armani«, schlägt Jürgen vor, doch alle Daumen in der Runde zeigen nach unten: »Was für ein Quatsch«, ereifert sich Stefan. »Dann merkt er doch erst recht, dass Andreas ihn vergessen hat. Das macht alles nur noch schlimmer.«

»Genau!« Mit diesem Wort richtet sich unser griesgrämiger Freund auf. »Vor allem: Ich habe den Kerl ja gar nicht vergessen. Ich finde den einfach total unsympathisch. Warum sollte ich dem was schenken? … Aber ich will halt auch nicht in seiner Schuld stehen.«

Betretenes Schweigen in der Runde.

Da hebt Peter beschwichtigend beide Hände. »Also: Das ist ja mal wieder typisch deutsch. Oder? Wir denken ständig, wenn uns einer was Gutes getan hat, dann sind wir ihm was schuldig. Oder: Wir müssten das ausgleichen …«

Jürgen fällt ihm ins Wort: »Genau. Dabei wäre das Ganze überhaupt kein Geschenk mehr, wenn wir uns innerlich verpflichtet fühlen, es auszugleichen. Dann wäre das letztlich nur ein getarnter Tauschhandel. Primitivstes ›Gibst du mir was, geb ich dir was‹. Ein echtes Geschenk braucht überhaupt keine Erwiderung.«

Auf einmal reden alle durcheinander: »Das sagt sich so leicht!« »Man hat halt doch ein schlechtes Gewissen.« »Geschenkt ist geschenkt!« »Und

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