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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

Die neun Gesichter der Seele

von Eva-Maria Lerch vom 25.01.2019
Wie die Persönlichkeitslehre des Enneagramms sich in Deutschland verbreitete – und was es damit auf sich hat

Im Sommer 1989 erschienen in Deutschland gleich drei verschiedene Bücher über eine spirituelle Persönlichkeitslehre, von der bis dahin kaum jemand gehört hatte: das Enneagramm. Eines dieser Bücher wurde in christlichen Kreisen ein Renner. Nach Einschätzung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen erwies es sich »als ein unglaublicher Bestseller, wurde in 16 Sprachen übersetzt und bisher über 500 000 Mal verkauft«. Verfasst hatten es der US-amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr und der evangelische Pfarrer Andreas Ebert aus München. Ihr Buch zum Enneagramm beschrieb die unbekannte Charakterlehre aus christlicher Sicht, um es für die Seelsorge nutzbar zu machen.

Beim Enneagramm handelt es sich um ein Typenmodell, das die menschlichen Charaktere nach neun (griechisch: ennea) verschiedenen Grundmustern unterscheidet. Diese neun Charaktertypen werden als jeweils drei Ausprägungen der drei »Energiezentren« Kopf, Herz und Bauch verstanden. Ganz grob skizziert, unterscheidet das Enneagramm folgende Persönlichkeitstypen: Die gewissenhafte Eins, die helfende Zwei, die erfolgsorientierte Drei, die individualistische Vier, die beobachtende Fünf, die ängstliche Sechs, die lustige Sieben, die herausfordernde Acht und die bequeme Neun. Nach der Enneagrammlehre sind all diese Typen gleich wertvoll und haben, so, wie sie sind, eine wichtige Aufgabe in Welt und Gemeinschaft. Die spirituelle Aufgabe besteht nun darin, sich von einer zwanghaften (»unerlösten«) Form des jeweiligen Charaktertyps zu einer reifen (»erlösten«) Form zu entwickeln. So kann sich etwa der erfolgsorientierte Machertyp »Drei« von einer karrieresüchtigen ehrgeizgetriebenen Person zu einem engagiert, aber gelassen zupackenden Menschen entwickeln, dessen Kompetenz und Zuverlässigkeit die Gemeinschaft bereichern kann.

Ein wichtiger Unterschied zu anderen Typenlehren liegt darin, dass sich die Einzelnen beim Enneagramm nur selbst – durch eigene Selbsterkenntnis – in das Modell einordnen und niemandem ein Muster von außen übergestülpt werden darf.

Die Wurzeln dieser systematisierten Seelenkunde liegen weitgehend im Dunkeln. Der Ursprung des Enneagramms wird oft den Sufi-Mystikern des Islam, zuweilen aber auch den frühchristlichen Wüstenvätern um Euagrios Pontikos zugeschrieben. Die Ordensgemeinschaft der Jesuiten soll schon vor langer Zeit in ihrer Seelsorg

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