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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Wunderbar geborgen

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 27.01.2017
Unsere Autorin findet Gott in der Fremde – und begegnet ihrem Engel im Flugzeug

Ich bin kein besonders spiritueller Mensch. Ja, ich glaube an Gott, und wenn ich bei einem Taizé-Gottesdienst zu Kerzenschein meditative Lieder singe, finde ich das schön und beruhigend – aber Gott kommt mir dadurch nicht näher. Aber wenn ich reise und Fremden begegne, dann fühle ich Gottes Gegenwart.

Schon als Jugendliche habe ich das erlebt. Nachdem ich das Abitur gerade in der Tasche hatte, machte ich eine sechsmonatige Weltreise. Alleine. Doch das Erste, was ich lernte: Auch wenn man ohne Reisebegleitung aufbricht, ist man niemals allein. Während dieses halben Jahres erlebte ich, was mir auch bei späteren Reisen widerfahren sollte: Ich fühlte mich von den Menschen, die mich umgaben, regelrecht geborgen, weitergereicht von einem zum anderen, wie in Watte gepackt.

Es begann mit dem Brasilianer, der im Flugzeug auf dem Weg nach Rio de Janeiro neben mir saß. Ich war gerade aufgebrochen zu meinem Abenteuer Weltreise, und unter die Vorfreude mischte sich für einen Moment auch die Angst vor der eigenen Courage. Ich war ja erst 19. Sechs Monate von zu Hause weg, ganz auf mich gestellt – würde das gutgehen? Dann kam ich mit meinem Mitreisenden ins Gespräch, erzählte ihm von meinem Vorhaben, nicht aber von meiner Verunsicherung. Der Brasilianer sah mir in die Augen, lächelte und sagte: »Dir wird nichts passieren. Mit deiner positiven Ausstrahlung wirst du nur auf nette Menschen treffen, da bin ich sicher.« Er überreichte mir seine Visitenkarte und verabschiedete sich mit den Worten »Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an.« Ich habe ihn nie wiedergesehen, aber er sollte recht behalten. Und er erschien mir wie ein Engel, der mir geschickt worden war.

»Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag«, heißt es in dem Kirchenlied von Bonhoeffer. Genauso fühle ich mich, wenn ich unterwegs bin. Zu Hause bin ich meist rational, kontrolliert und organisiert. Sobald ich aber meinen roten Reiserucksack aufsetze, kann ich mich fallen lassen und auf die Überraschungen des Lebens einlassen. Ich spüre, dass Gott da ist und mich hält, dass er mir Menschen schickt, die mir weiterhelfen, mit denen ich ein Gespräch führe oder ein Lächeln teile.

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung«, sagte der Philosoph Martin Buber. Das Vertrauen, das man Fremden entgegenbringt, is

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