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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Wer war diese Frau?

von Eva-Maria Lerch vom 27.01.2017
Etty Hillesum: Leidenschaftlich und labil, intellektuell und politisch. Und immer auf der Suche nach der echten Liebe

Ihr Biograf, Paul Lebeau, nennt es »eine unerwartete Auferstehung nach vierzig Jahren des Begrabenseins«. Wer das Tagebuch der Etty Hillesum heute liest, kann tatsächlich kaum begreifen, warum es so lange vergessen in einem Archiv gelegen hat. Im Gegensatz zum Tagebuch der Anne Frank, das zur selben Zeit in Amsterdam verfasst wurde und dann um die Welt ging, blieben die Aufzeichnungen der Etty Hillesum lange ungelesen. Sie hatte die rund 700 Heftseiten so klein und unleserlich beschrieben, dass zunächst niemand sie entschlüsseln wollte. Eine befreundete Familie versuchte lange, das Tagebuch zu veröffentlichen, fand aber keinen Verlag dafür. Erst als deren Sohn, Klaus Smelik, es 1980 dem Den-Haag-Verlag vorlegte, kam der Durchbruch. »Die ersten Sätze, die ich las, haben mich überwältigt und gefesselt«, schreibt der Redakteur des Verlags.

Esther Hillesum, genannt Etty, wurde am 15. Januar 1914 geboren und ist in einer intellektuellen Lehrerfamilie jüdischer Herkunft aufgewachsen, aber nicht religiös erzogen worden. Sie gehörte zu einem Kreis linker emanzipierter Frauen in Amsterdam, arbeitete in antifaschistischen Studentengruppen mit und engagierte sich für politische und soziale Fragen. Als sie am 9. März 1941 mit dem Tagebuch beginnt, stehen die Niederlande unter deutscher Besatzung. Juden werden aus ihren Arbeitsstellen entlassen, sie dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und müssen den gelben Stern tragen. Doch im Tagebuch steht wenig über diese Schikanen. Es erzählt vielmehr, wie die Schreiberin damit ringt, die Ursachen der Bösartigkeit zu verstehen und in der Liebe zum Leben und allen Menschen zu bleiben.

Den Impuls, ein Tagebuch zu führen, hat Etty Hillesum von Julius Spier bekommen, dem Begründer der »psychotherapeutischen Handlesekunst«, der als deutscher Jude nach Holland geflohen ist. Die labile junge Frau hat sich in seine Behandlung begeben, weil sie unter Kopfschmerzen und rheumatischen Anfällen leidet, die offenbar seelische Ursachen haben. Auch ihre beiden Brüder, ein Arzt und ein Pianist, leiden trotz Intelligenz und großer Begabung unter psychischen Krankheiten. Etty gilt auch unter ihren liberalen Freundinnen als ungewöhnlich »hitziges Temperament«, das sich in zahlreichen sexuellen Abenteuern auslebt. Und so verliebt sie sich auch in Julius Spier, ihren 27 Jahre älteren Therapeuten, der in den

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