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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

Der furchtlose Hirte

von Thomas Seiterich vom 25.01.2013
Großgrundbesitzer wollen ihn töten, Brasilien ehrt seinen Kampf für die Armen: Befreiungstheologe Pedro Casaldaliga

Vierundachtzig Jahre alt und kein bisschen leise: Am 4. Januar meldete sich der Befreiungstheologe, Dichter und Bischof Dom Pedro Casaldaliga zurück im Blog Periodistadigital. »Ich habe einige Wochen weit entfernt von Post, Web und Büchern verbringen müssen«, teilt er mit, »wegen der Bedrohungen gegen mein Leben, die aus dem Landkonflikt resultieren.« »Doch jetzt«, so fährt der Altbischof von São Felix do Araguaia in Amazonien fort, »beruhigt sich die Lage zu Hause, und der Kampf für das Reich Gottes geht weiter.«

Tatsächlich hatte Brasiliens Bundespolizei Casaldaliga über eintausend Kilometer entfernt von seinem Häuschen im Provinzstädtchen São Felix versteckt und bewacht. Denn zu massiv waren die Todesdrohungen gegen den schmächtigen, alten Kirchenmann geworden, der eine nationale Berühmtheit ist. Kürzlich hatte Staatspräsidentin Dilma Rousseff ihn wegen seines unermüdlichen gewaltfreien Kampfes gegen brutale Großgrundbesitzer und für die Kleinbauern und Indigenas mit dem »Brasilianischen Menschenrechte-Preis« ausgezeichnet, gemeinsam mit seinem Mitbischof und alten Freund Tomas Balduino. Im Jahr 1943 tritt der 15-jährige Katalane Pedro Casaldaliga dem Orden der Claretiner bei. 1968 geht er nach Brasilien. Über zehn Jahre lang ist Casaldaliga der einzige dauernd präsente Pfarrer in der 150 000 Quadratkilometer großen Region im abgelegenen Norden des Bundesstaates Mato Grosso. Dort wird er 1971 Bischof. Damals amtierte Paul VI. als Papst in Rom. Der junge Casaldaliga wagte es, ihm Bedingungen zu stellen – und Paul VI. ließ sich darauf ein. Erste Bedingung war eine Befragung des Volkes und sämtlicher Geistlichen am Rio Araguaia, ob er Bischof werden solle. Die zweite Bedingung lautete: kein Bischofswappen. Der zum Brasilianer gewordene Katalane akzeptierte als Mitra nur den breitkrempigen Strohhut der Kleinbauern und als Bischofsring und Hirtenstab nur Symbole der Indio-Völker seiner Diözese: den schwarzen Ring aus der Tucum-Palme und ein Ruder der Tapirapé-Indianer.

»Ich wollte nie einen Bischofsstab. Jetzt muss ich mich zur Buße auf den Gehstock eines alten Mannes stützen«, erzählt Casaldaliga mit einem Lachen. Der agile Mann trägt karierte kurzärmelige Hemden und Badeschlappen: »Der Hirtenstab, die Mitra, das Wappen – es enttäuscht mich sehr, wenn ich sehe, wie neu ernannte junge Bischöfe als Erstes mit ihrem Wappen und ih

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