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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2021
Hinterm Horizont
Aussichten nach Corona
Der Inhalt:

»So sind wir Amerikaner nicht«

von Dorothea Hahn vom 15.01.2021
Beten für Trump, Gewalt im Kapitol: Die Rechte in den USA kommt nicht aus ohne Religion. Demokraten setzen stärker denn je mit Gott dagegen

Am 6. Januar, als Tausende von Trump-Anhängern den Kongress stürmen, um die Bestätigung von Joe Biden zum nächsten US-Präsidenten zu verhindern, bringen sie Kreuze mit sowie Fahnen, auf denen neben »Trump 2020« auch zu lesen ist: »Jesus rettet«. Manche bilden Gebetskreise, bevor sie durch zertrümmerte Fenster einsteigen und Büros durchwühlen.

Auf der anderen Seite beten Kongressabgeordnete für ihr Land, als sie vor den Einstürmenden in Deckung gehen. Am Tag danach, als bereits vier – von insgesamt fünf – Todesopfern zu beklagen sind, suchen Joe Biden und seine Vizepräsidentin Kamala Harris das Gespräch mit den Spitzen der Religionsgemeinschaften. Biden wird nach John F. Kennedy der zweite Katholik im Amt sein. Er spickt seine Reden mit Zitaten aus der Bibel und von Theologen, darunter dem deutschen Jesuiten Alfred Delp, der von den Nazis hingerichtet wurde. Gewöhnlich enden Bidens Reden mit der Bitte um Segen für Land und Leute.

Mit dem Sturm auf die demokratischen Institutionen, der gleichzeitig in Washington und – in Deutschland fast unbemerkt – auch in verschiedenen Bundesstaaten erfolgte, verändert sich schlagartig sowohl das politische, als auch das religiöse Kräfteverhältnis. Am Wahltag im November waren die religiösen Gemeinschaften tief gespalten. Bei den weißen Evangelikalen stimmten zwei Drittel für Trump, bei den schwarzen Evangelikalen fast alle für Biden. Bei den Katholiken verlief der Graben durch die Mitte. Die jüdischen Wähler – bei denen genau wie bei allen anderen die Pandemie, die Wirtschaft und die Klimapolitik und nicht Israel wahlentscheidend waren – stimmten zwei Drittel für Biden. Die muslimischen Wähler standen ähnlich klar hinter ihm. In den tumultuarischen Wochen danach vertieften sich die Gräben. Während Trump täglich neue Lügen über Wahlfälschung und -manipulation verbreitete, machten seine evangelikalen Unterstützer »Jericho-Umzüge«. Unterdessen arbeiteten liberale Christen, Juden und Muslime mit Bidens Übergangsteam an den großen Linien der künftigen Einwanderungs-, Klima- und Gesundheitspolitik.

Erst nach dem 6. Januar haben sich einige konservative religiöse Führer von Trump abgewandt – schockiert, als wären Trumps autoritäre Neigungen eine Überraschung für sie. »So sind wir Amerikaner nicht«, sagt der Chef der katholischen Bischofskonferenz, José Gomez. Robert Jeffress, baptistischer Megakirchen-Pastor und Trump-Wahlhelfer, nennt

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