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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2021
Hinterm Horizont
Aussichten nach Corona
Der Inhalt:

Sozialprotokoll
»Ich habe es nie bereut«

von Sigrid Querhammer vom 23.01.2021
Helga* (68) aus Zwickau lebt mit ihrem geistig behinderten Bruder zusammen. Seit dem Tod der Eltern kümmert sie sich um ihn.
Bis zu ihrer Pensionierung war sie Bibliothekarin an einer Hochschule: Helga aus Zwickau hat für sich und ihren geistig behinderten Bruder ein gemeinsames Haus gebaut. (Foto: Querhammer)
Bis zu ihrer Pensionierung war sie Bibliothekarin an einer Hochschule: Helga aus Zwickau hat für sich und ihren geistig behinderten Bruder ein gemeinsames Haus gebaut. (Foto: Querhammer)

Immer morgens um sechs Uhr stand der Bus der Behindertenwerkstatt vor der Tür, um meinen Bruder abzuholen. Da lag die erste Schicht schon hinter mir. Weil Gerold geistig behindert ist, braucht er bei vielem Hilfe. Anschließend bin ich zum Dienst gefahren. Ich war Bibliothekarin an einer Hochschule. Lag im Winter Schnee, musste ich mitunter das Auto stehen lassen. Dann waren die Arbeitstage noch länger. Ohnehin kam ich erst gegen 18 Uhr zurück, kochte dann für uns, machte die Hausarbeit. Nur freitags hatte ich frei und auch einmal Zeit für mich. In den letzten zwei Jahren vor der Rente war die Doppelbelastung der Arbeit und das Kümmern um den behinderten Bruder sehr anstrengend für mich. Hätte mir meine Arbeit nicht so viel Freude gemacht, hätte ich das nicht bis zum Schluss durchgehalten. Die letzten 400 Tage bis zum Ruhestand habe ich mit Filtertüten gezählt, habe vier Hunderter-Packungen gekauft und jeden Tag eine Filtertüte verwendet.

Jetzt bin ich schon vier Jahre in Rente. Mein Leben spielt sich zwischen Haushalt, Garten und der Betreuung meines Bruders ab. Allein lassen kann ich ihn nur für wenige Stunden. Seine Behinderung ist durch eine frühkindliche Hirnschädigung entstanden. Eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion wurde zu spät erkannt. Einsam bin ich nicht. Mein Bruder und ich pflegen viele Kontakte im Freundes- und Bekanntenkreis, laden andere ein oder werden eingeladen. Normalerweise. Bis zur Corona-Pandemie haben wir auch zwei Seniorenkreise in zwei Kirchengemeinden besucht. Wegen Covid-19 sind wir vorsichtig. Freunde treffen wir derzeit einzeln auf Abstand und meist im Freien.

Meine Mutter starb 1998, seither bin ich für meinen Bruder verantwortlich. Ich habe die Aufgabe übernommen und

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