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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2017
Weckruf für die Welt
Wie weiter unter Donald Trump?
Der Inhalt:

»Auch Gott ist nicht wunschlos glücklich«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 13.01.2017
Welche Kraft hat das Wünschen? Ist es mehr als naive Träumerei? Die Theologin Saskia Wendel spricht im Interview über den Sinn des Wünschens – und was das mit Theologie zu tun hat

Publik-Forum: Frau Wendel, die Weihnachtszeit ist vorbei; der ein oder andere Kinderwunsch mag unterm Tannenbaum in Erfüllung gegangen sein. Warum ist Wünschen auch für Erwachsene wichtig?

Saskia Wendel: Als Erwachsene werden wir damit konfrontiert, dass das Leben nicht nur gut, schön und heil ist. Aber wir haben ein berechtigtes Interesse daran, dass es besser wird. Um den Status quo zu überwinden – ob in unserem Privatleben oder politisch gesehen –, brauchen wir Wünsche.

Ein Grimmsches Märchen beginnt allerdings mit den Worten: »Als das Wünschen noch geholfen hat …« Hilft Wünschen denn heute nicht mehr?

Wendel: Wünschen hilft sehr wohl, indem es mich nämlich befähigt, meinen Horizont zu erweitern. Wenn ich mir oder der Gesellschaft etwas wünsche, schaue ich über den Tellerrand hinaus, sehe, was es noch gibt, geben könnte. Wünschen kann das Immer-weiter-so des Alltags unterbrechen. Ja, die Unterbrechung ist sogar eine zentrale Funktion des Wünschens! Denn genau das hilft mir, neue Perspektiven auf mein Leben und auf gesellschaftliche Zustände zu werfen, mich immer wieder neu auf die Suche zu begeben.

Kann ein intensiver Wunsch, ausgesprochen oder gedacht, etwas bewirken?

Wendel: Nicht unmittelbar und direkt. Ich werfe nicht in einen Wunscherfüllungs-Automaten oben einen Wunsch rein, und unten kommt die Erfüllung heraus. Aber Wünschen kann eine Veränderung der eigenen Haltung bewirken, es ist ein Schritt in Richtung Engagement. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass ich mich im Raum der Wünsche verliere. Das kann problematisch sein, weil ich dann den Kontakt zur Realität verliere.

Der Begriff »Wunschdenken« wird oft mit einer gewissen Verächtlichkeit verwendet. Wieso ist das so?

Wendel: Ich denke das hat viel mit dem Sich-verlieren-in-Wünschen zu tun. Wer beim Wünschen die Bodenhaftung verliert, gilt schnell als naiver Träumer. Gleichzeitig ist es aber auch eine Rückzugshaltung, jemandem sofort entgegenzuhalten: »Das ist doch Wunschdenken.« Solche Aussprüche immunisieren dann gegen die Möglichkeit der Veränderung, ja sogar dagegen, Veränderung überhaupt zu denken. Es ist oft bequemer, sich einzurichten in dem, was ist, als anzustreben,

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