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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2017
Weckruf für die Welt
Wie weiter unter Donald Trump?
Der Inhalt:

Sprach-Vermögen

vom 13.01.2017
Kolumne Von Fabian Vogt:

»Storno, bitte!« Leicht verzerrt scheppert die Stimme der Kassiererin durch den Supermarkt, weil eine Kundin gerade entschieden hat, dass sie statt 14 Packungen Kartoffelbrei doch nur 13 braucht. Natürlich passiert erst mal nichts. Stattdessen geht ein kollektives Stöhnen durch die Menschenschlange, die inzwischen bis hinter die Gummibärchen reicht. Dort freuen sich immerhin einige Kinder, die ihre Chance nutzen und begeistert die Einkaufswagen ihrer Eltern mit Tüten füllen.

Endlich taucht aus den Katakomben des Supermarkts eine skurrile Gestalt auf, steckt mehrere obskure Schlüssel in die Kasse und sagt dabei beiläufig: »Du, Frau Schmidt, vergiss auf keinen Fall die Fragen.« Und in diesem Moment bricht mir wirklich der Schweiß aus.

Dass die Schlangen in den Supermärkten immer länger werden, hat nämlich nicht nur mit den Leuten zu tun, die acht Minuten lang ihr Kleingeld abzählen oder aus reiner Bosheit etwas stornieren. Es hängt vor allem an einer besonders widerwärtigen Form der Lebenszeitvernichtung: dem Fragen-Schwachsinn beim Bezahlen.

»Haben Sie eine Payback-Karte?« Nein. »Wollen Sie eine?« Nein. »Heute gibt es aber doppelte Punkte bei Rippchen!« Nein. »Sind Sie schon Mitglied in unserem Club?« Nein. »Da gibt es zwei Prozent auf alle Sanitärartikel, außer Tampons.« Nein. »Sammeln Sie Treuepunkte?« Nein. »Wollen Sie Sticker für unser Glubschi-Sammelalbum?« Nein! »Diese Woche sind doppelt so viele Glitzer-Sticker dabei.« »Sagen Sie mir bitte Ihre Postleitzahl?«

Ich bin ein friedliebender Mensch, aber in diesem Moment kommen in mir tiefsitzende aggressive Potenziale hoch. Ich möchte meine Colaflasche an der Kasse zertrümmern, einen Urschrei loslassen und dann brüllen: »Ich komme seit zehn Jahren zweimal pro Woche in diesen bescheuerten Markt, Frau Schmidt, und Sie wissen genau, wo ich wohne. Trotzdem geht das Ihren Inhaber einen Scheißdreck an. Ich frag ihn ja auch nicht. Und falls Sie es noch nicht kapiert haben: Das war eine sehr ausführliche Variante des Wortes Nein!«

Ich weiß sehr wohl, dass Frau Schmidt da nichts für kann, wie der Hesse sagt. Sie kann einem leidtun. Aber sie ist auch Ausführungsorgan einer immer perverseren Umgangsweise mit Sprache. Einem Kommunikationszwang sondergleichen. Und während ich versuche, meine Wut herunterzuschlucken, denke ich: Vermutlich wird der Satz »Haben Sie eine P

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