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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

Wut ohne Ziel und Sinn

von Bettina Röder vom 16.01.2015
Wenn es dunkel wird und kalt: Beobachtungen auf der Demonstration der sogenannten »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« in meiner Heimatstadt Dresden

Es ist dunkel in meiner Heimatstadt Dresden. Auch die berühmte Semperoper hat das Licht ausgemacht. Eiskalter Nieselregen lässt frösteln. Am Polizeirevier der Elbestadt – dort wollen die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) demonstrieren – steigt eine Familie aus einem kleinen Wagen. Sie sind wie viele aus der Umgebung angereist. Der Junge hält ein Plakat der Friedensbewegung hoch: die weiße Taube auf blauem Grund. Die Erwachsenen rauchen. Ein Mann mit grauen langen Haaren unter dem Piratentuch in schwarzer Lederkluft gesellt sich zu ihnen. »Ich lasse mir von der Regierung nichts mehr sagen«, sagt eine ältere Frau, die am Arm ihres Mannes zur Demonstration strebt. »Von den Amerikanern erst recht nicht, die alles bestimmen«, stimmt ihr ein anderer Mann zu. »Mit unseren Steuergeldern haben sie Kriege geführt, die nichts gebracht haben, wie den am Hindukusch.« Ein anderer nickt. »Und jetzt machen sie Putin platt.« Immer mehr tauchen in der Dunkelheit auf, die Familie mit der Friedenstaube scherzt mit den an ihre Bereitschaftswagen gelehnten Polizisten.

Dann ist die Lennestraße voller Menschen, Deutschlandfahnen wehen in der Dunkelheit über den Köpfen, einige schwenken Landesfahnen: von Sachsen, Bayern, Brandenburg und Schleswig-Holstein. Nicht wenige stehen im Matsch auf der angrenzenden niedergetrampelten Wiese. Ein schmächtiger Rentner mit Brille zieht seinen dünnen grünbraunen Mantel zu. »Ich bin kein Ausländerfeind«, sagt er. »Aber so geht das nicht weiter.« Neulich, in Hamburg, da seien zwei Türken mit Macheten aufeinander losgegangen. »Jetzt habe ich aber keine Angst mehr«, erklärt er noch. Wovor Angst? »Vor den Gegendemonstranten«, sagt der Mann. Sein Blick schweift in die Ferne, irgendwohin ins Nichts.

Dann zerschneidet ohrenbetäubendes Gejohle die Luft. Die blonde Pegida-Frontfrau Kathrin Oertel aus der sächsischen Kleinstadt Coswig begrüßt die Menge. Ein Wir-Gefühl geht von ihr aus. »Wir werden immer mehr, wir lassen uns nicht unterkriegen«, ruft sie ins Mikrofon und wettert gegen Gauck und Merkel und gegen die »Asylindustrie«. »Wir sind das Volk«, schallt es zurück. Das klingt bedrohlich, so ganz anders, als es 1989 klang. Wie alles hier anders ist. Die Menschen haben Wut. Wut ohne Ziel. Und sie sprechen auch – anders als 1989 – nicht vor der Menge. Gurus geben de

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