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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

Die Angst der Religionen vor der Freiheit

von Hartmut Meesmann vom 16.01.2015

Respekt denen gegenüber zu zeigen, die selbst respektlos sind, das ist nicht leicht. Für Menschen, deren brüchige Identität noch dazu von einer rigiden religiösen Einstellung – oder dem, was sie dafür halten – mit bestimmt wird, kann es eine Unmöglichkeit sein. Kritik, die von tiefer Verachtung gegenüber allen Religionen geprägt ist – und Satire als deren schärfste Form –, auszuhalten, ist aber in einer freiheitlichen Gesellschaft auch von religiösen Menschen gefordert. Die Meinungs- und Pressefreiheit ist nicht nur ein hohes Gut der westlich-aufgeklärten Gesellschaften. Sie ist ihr Testfall.

Die Mehrheit der Islamisten hasst »den Westen« samt seinem Freiheitspathos. Der ist auch für Vertreter anderer Religionen immer wieder ein Stein des Anstoßes. Es ist keineswegs selbstverständlich, jedem Menschen das Menschenrecht auf individuelle Freiheit einzuräumen. Ist der Mensch wirklich ganz frei? Erst recht vor Gott? Will Gott die Freiheit des Menschen? Und wo sind deren Grenzen? Viele religiöse Menschen halten eine schrankenlose Freiheit für menschliche Hybris.

Gedanken-, Meinungs- und Religionsfreiheit, die nach westlichem Verständnis zu den unverrückbaren Menschenrechten gehören, mussten erkämpft werden – zum Beispiel gegen weite Teile der Christenheit und auch innerhalb des Christentums selbst. Die römisch-katholische Kirche hat Aufklärung und Demokratie lange als Irrtümer bekämpft. Restbestände dieses religiös motivierten Ressentiments finden sich in ihr noch immer. Rechtskatholiken wie die Piusbrüder halten die Menschenrechte auch heute noch für Teufelswerk. Und war bislang aus dem Vatikan nicht stets der Vorwurf des moralischen Relativismus zu hören, westlicher Dekadenz und eines übertriebenen Individualismus – die Beleidigung religiöser Gefühle eingeschlossen? Papst Franziskus setzt hier zum Glück andere Akzente.

Auch viele Vertreter der russischen Orthodoxie haben nur Verachtung für einen angeblich unmoralischen Westen übrig. Sie propagieren eine autoritäre Religions- und Gesellschaftsform. Anglikanische Christen in Afrika werfen den eigenen Glaubensschwestern und -brüdern im Norden moralische Verderbnis und Abkehr vom Christentum vor, wenn diese zum Beispiel gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht als unmoralisch verurteilen wollen.

Der Westen ist moralisch in der Tat diskreditiert. Jedoch eher durch

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