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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

»Sündenböcke schaffen Sicherheit im Kopf«

von Barbara Tambour vom 16.01.2015
Was Menschen zu Hassparolen treibt und wie Bürger und Politik damit umgehen sollten. Eine Analyse des politischen Psychologen Siegfried Preiser

Publik-Forum: Die sogenannten »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (Pegida) beschwören den Islamismus als Gefahr und Zuwanderer als Bedrohung. Wie kommt es zu derartigem Sündenbock-Denken?

Siegfried Preiser: In Situationen der Unübersichtlichkeit wird häufig pauschalisiert und Schwarz-Weiß-Denken praktiziert. Man versucht damit, Ordnung in die eigenen Gedanken zu bringen. Wenn man zu wissen glaubt, wer schuld ist an der empfundenen Misere, stabilisiert das die eigene Sichtweise und man kann sich von den Schuldigen abgrenzen. Aktuell ist die Situation unübersichtlich – was die wirtschaftliche Lage in Deutschland, in Europa und weltweit angeht als auch die Gefahr von Terror und Krieg. Wenn man also weiß, wer die Bösen sind, erreicht man eine scheinbare Sicherheit im Kopf. Mithilfe des Sündenbocks …

…von dem es im Alten Testament heißt, dass ihm die Sünden des Volkes Israel auferlegt wurden. Dann trieb man ihn in die Wüste, um die Sünden loszuwerden. Hofft man jetzt auch darauf?

Preiser: Indem man Muslime und Zuwanderer zu Sündenböcken macht, legt man sich zurecht, woher die Probleme der Welt kommen und wie sie gelöst werden können. Das schafft Orientierung und Sicherheit. Anderswo schafft man diese Orientierung durch Idealisierungen. Dies sieht man derzeit in Russland, wo Putin als Retter gefeiert wird.

In Dresden scheint weniger das Prekariat als vielmehr die bürgerliche Mitte auf die Straße zu gehen.

Preiser: Dieses Phänomen ist bekannt: Nicht die wirklichen Verlierer der sogenannten Modernisierung, nicht die Ärmsten gehen auf die Straße, sondern diejenigen, die befürchten abzusteigen oder die ihre Chancen auf weiteren Aufstieg schwinden sehen.

Ist die bürgerliche Mitte rechter als früher?

Preiser: Latente und zunehmend offen geäußerte rechte Tendenzen stellen wir seit den 1990er-Jahren immer wieder fest. In der bürgerlichen Mitte nehmen rechte Einstellungen zu, allerdings immer verbal verbunden mit dem Bekenntnis, »aber ich bin nicht ausländerfeindlich« oder »gegen politische Flüchtlinge habe ich nichts«. Damit wird die Abgrenzung humanitär verbrämt. Dennoch ist die Abgrenzungstendenz bei Angehörigen der Mittelschicht da, die ihren Wohlst

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