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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

Teufel, Stille und Pralinen

von Thomas Seiterich vom 16.01.2015
Auch religionslose Zeitgenossen sind mitunter neugierig. Sie wollen wissen, was es mit der Bibel und Dämonen auf sich hat. Bei den Jesuiten in Leipzig finden sie offene Gesprächspartner

Nahe dem Eingang zur Orientierung, der vom Jesuiten-Orden betriebenen »Kontaktstelle für Lebens- und Glaubensfragen« in Leipzig, steht der Spruch: »Am Baum der Stille wächst der Frieden. Tritt ein.« Edith und Frank sind eingetreten. Die beiden leiten an diesem Montagnachmittag mit sieben Altersgenossen fünfzig plus den Bibel-Lesekreis für Religionslose. Eine Frau fährt mit dem Rollstuhl in das Büro, ein anderer stellt zwei lila Krücken in die Ecke. Auf den Tisch legt Edith eine Pralinenschachtel, daneben die Bibel. Frank hat ein älteres Bibelhandbuch von zu Hause mitgebracht.

»Wir wollten uns heute mal an die Seligpreisungen der Bergpredigt heranarbeiten«, sagt Ilse. Man duzt sich. Kaum einer aus der Bibelrunde ist Mitglied einer Kirche. Reihum lesen die Teilnehmenden Vers für Vers. Eine der Frauen sagt anschließend: »Tja, nach diesen Seligpreisungen weiß ich wieder mal, weshalb mir Jesus viel näher ist als Gott.« Auch eine Mitarbeiterin der Kontaktstelle diskutiert mit, ihr Schreibtisch steht in dem einfachen Raum, in dem jetzt die Bibelleser tagen.

Länger hakt sich das Gespräch am Gebot fest, die Feinde zu lieben. »Feindesliebe? Das halte ich für schwierig«, sagt Constanze, »wenn man in einem Umfeld lebt, wo man von seinen atheistischen Bekannten beschimpft wird, wenn man mal ein bisschen über den Glauben spricht.«

Etwas länger drehen sich die Fragen und Überlegungen um die »Armen im Geiste«, von denen Jesus spricht: Wer denn damit genau gemeint sei? Die Teilnehmenden lassen einander ausreden, hören einander zu und suchen nach Antworten auf all die Fragen, die auftauchen. Eine der Frauen hat von zu Hause die »Anti-Seligpreisungen« mitgebracht. Das ist ein brutal-kapitalistischer Horrortext. »So etwas entspricht ganz dem Zeitgeist«, kommentiert Constanze, die anderen stimmen zu.

Am Ende der anderthalbstündigen Runde ist die Pralinenschachtel leer. Die Bibel wird ins Regal geräumt und man verabredet sich fürs nächste Mal – dann wird die »andere Bergpredigt« auf der Tagesordnung stehen, »die von Lukas«. Kein Theologe, kein Priester hat eingegriffen, um das Gespräch zu beeinflussen oder zu lenken, denn es war keiner dabei.

Zwei Stunden später im großen Raum der »Orientierung«: Pater Bernd Knüfer stellt Stühle in einen weiten Halbkreis. Er setzt sich an einen Tisch, auf dem eine Vase mit Bl

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