Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

»Ich bin das ungewollte Kind«

von Andreas Malessa vom 16.01.2015
Liebe katholische Kirche, warum regt Dich das Reformationsjubiläum 2017 denn so auf? Feiere doch einfach mit uns. Denn dafür gibt es gute Gründe. Brief eines überzeugten evangelischen Christen

Liebe große Schwester, ich hab gehört, Du hättest keine Lust, meinen 500. Geburtstag mitzufeiern? Schade. Ich hätte Dich gerne dabei, wirklich! Im prächtigen Feiern und Inszenieren bist Du doch viel besser als ich. Plaudern und Singen kann ich ja noch, aber wenn es mal festlich krachen soll, kommen statt rheinisch buntem Karneval bei mir nur preußischblaue Akademietagungen heraus. Also komm bitte 2017 nach Wittenberg, ja ?

Ich versuche mal, Dich umzustimmen: Wir feiern nicht meinen historisch-biologischen Vater. Ich bin sein ungewolltes Kind, wie Du weißt. Martin Luther fand es 1510 so toll, die Sündenstrafen verstorbener Vorfahren verkürzen zu können, dass es ihm »schier leid tat, dass meine Eltern noch leben. Ich hätte sie gerne aus dem Fegefeuer erlöset mit meinen Messen«.

Den Ablasshandel hat er noch zum Allerheiligenfest 1514 verteidigt und sogar die Abfassung des »Augsburger Bekenntnisses« 1530 verstand er als Reformvorschlag, nicht als Gründungsakte einer neuen Kirche! Martin lebte und starb als frommer Katholik, vergiss das nicht.

Mitfeiern könntest Du zum Beispiel seinen theologischen Ziehvater, den Augustinus, den Du so magst.

Du hast Martin schon 1518 zum Ketzer erklärt, und fortan benahm er sich Dir gegenüber als polemischer Rüpel, zugegeben. Aber nimm zum Beispiel Ignatius von Loyola, den Gründer des Jesuitenordens. Der hat insgesamt sieben Inquisitionsverfahren überlebt. Und heute ist er ein Heiliger! Also, was regst Du Dich auf?

Wir feiern erst recht nicht die Spaltung. Des Zerbrechens der einen heiligen Kirche müsse man »bedauernd gedenken«, höre ich von Dir. Würdest Du das an allen runden Jahrestagen konfessioneller Spaltungen tun, kämst Du aus dem Bedauern gar nicht mehr heraus: Die »Einheit« war 451 beim Konzil von Chalcedon das erste Mal futsch, als die Kopten gingen; 1054 das zweite Mal, als sich die Orthodoxen verabschiedeten; 1184 das dritte Mal, als Du die Waldenser vor die Tür gesetzt hast, und 1209 das vierte Mal mit Deinen Kreuzzügen gegen die Albigenser/Katharer.

Ab 1517 kamen wir, die lutherischen und reformierten Zwillingsschwestern, auf die Welt. Dann unser halblebiges Frühchen, die Täufer. Und drüben in England – not amused – trennten sich die Anglikaner von Dir! Das wären dann die Spaltungen Nummer fünf

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen