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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2012
2012: Wir steigern das Bruttosozialglück
Umbau der Wirtschaft
Der Inhalt:

»Nicht unter Putin sterben«

von Inna Hartwich vom 04.05.2012
Das politische Erwachen der Menschen im größten Land der Welt ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ein Bericht aus Moskau

Eigentlich hätte er längst im Zug sitzen sollen. Nach Hause fahren, ins ferne Westsibirien, in sein Dorf Kamenka bei Tjumen. Doch Wladimir Judin ist in der Hauptstadt geblieben, ist auf den Sacharow-Prospekt geeilt, eine breite Allee zwischen Neubau-Klötzen. Zehntausende protestieren im Nordwesten Moskaus friedlich gegen die offensichtlichen Wahlfälschungen bei der Parlamentswahl am 4. Dezember. Im Westen ist gerade Heiligabend.

Die Straße ist von Metalldetektoren gesäumt, von Tausenden Polizisten umstellt. Sie fallen aber kaum auf in der Menge der Menschen, die bei minus sieben Grad Kälte vier Stunden lang lautstark ein »Russland ohne Putin« fordern und »Das Volk hat die Macht« skandieren. Von 30 000 Demonstranten sprechen die Staatsdiener, von 120 000 die Veranstalter. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, jedenfalls sind dies die größten Proteste seit dem Zerfall der Sowjetunion. Der Ton wird schärfer, der Unmut größer. Der sowjetische Ex-Präsident Michail Gorbatschow hat den Noch-Premier Wladimir Putin gar zum Rücktritt aufgefordert: »Ich würde ihm raten, sofort zu gehen«, sagte er im Radio Echo Moskwy. Selbst die russisch-orthodoxe Kirche stellte sich überraschend auf die Seite der Nicht-Einverstandenen: »Die Mächtigen müssen erhören, was das Volk ihnen zu sagen hat«, sagte der Moskauer Patriarch Kirill. Selten zuvor hat sich die Kirche in solcher Weise zu regierungskritischen Versammlungen geäußert.

»Ich wollte mit eigenen Augen sehen, ob es stimmt, was im Internet steht, ob es wirklich ein politisches Erwachen in unserem Land gibt«, sagt Wladimir Judin. Der vierzigjährige Versicherungsfachmann ist selbst Mitglied der Partei Gerechtes Russland, sitzt im Dorfrat von Kamenka, hat die Wahlen beobachtet. »Es ging nicht mit rechten Dingen zu«, sagt er. Im Jahr 2000 hat er seine Stimme noch Wladimir Putin gegeben, »aus Überzeugung«. Von »einem Dieb« aber wolle er sich nun nicht länger regieren lassen.

Judin sieht Menschen, die sich weiße Bändchen an die Jacken und Mützen heften, das Symbol für den Kampf für ehrliche Wahlen. Er schaut auf Plakate, auf denen steht: »Ich will nicht unter Putin sterben« oder »Danke, dass ihr uns zum Denken gezwungen habt«. Er hört die Worte des Schriftstellers Dmitri Bykow, der von Putins »Schattenrussland« spricht und von der Geburt des russischen Wandels. »Die Wehen haben sc

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