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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2012
2012: Wir steigern das Bruttosozialglück
Umbau der Wirtschaft
Der Inhalt:

»Es geht nichts verloren«

von Barbara Brüning vom 04.05.2012
Agnes d’Albon ist Zahnärztin. Für die Elisabeth-Straßenambulanz in Frankfurt am Main behandelt sie Obdachlose – ehrenamtlich

Obdachlose kannte ich früher eigentlich nur von der Straße. Ich bin öfter mit jemandem ins Gespräch gekommen, wenn ich mal eine Kleinigkeit gespendet hatte. Einmal habe ich einem seine Gedichte abgekauft. Die waren sehr philosophisch, und wir haben uns darüber unterhalten. Er hat mir erzählt, dass er das ganze Jahr über unterwegs ist. Er geht immer von Hamburg nach München und dann wieder nach Hamburg. Er wollte das so. Er wollte sich nicht anpassen und dem System beugen.

Irgendwann ist mir klargeworden, dass ich gerne mit Obdachlosen arbeiten würde. Ich selbst hätte gerne Kunst studiert, und da dachte ich, die zwei Ideen ließen sich verbinden: Kunst mit Obdachlosen zu machen. Denn wenn man gar nichts hat, dann ist man ganz offen, da kann man viel Kreatives aus sich rausholen, dachte ich. Deshalb habe ich Bruder Wendelin in der Liebfrauengemeinde in der Frankfurter Innenstadt angesprochen.

Zwei Stunden hat er mir zugehört und mir ein Projekt empfohlen, das so etwas Ähnliches mit Obdachlosen macht. Und dann, ganz am Schluss, hat er mich gefragt, was ich denn von Beruf bin. Als ich »Zahnärztin« sagte, rief Bruder Wendelin: »Vergessen Sie alles, worüber wir bisher gesprochen haben. Wir brauchen Sie!« Und so habe ich von der Elisabeth-Straßenambulanz erfahren, einer Einrichtung des Caritas-Verbandes Frankfurt am Main, in der Obdachlose medizinisch versorgt werden. Das war aber überhaupt nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Mir war das erst ganz fremd. Sechs Monate lang habe ich die Anfrage ganz weit weggeschoben.

Dann habe ich angefangen zu überlegen: Wie soll das gehen? Wo bekomme ich einen Stuhl her? In meiner Praxis würden sich Obdachlose nicht wohlfühlen und meine Patienten dann auch nicht. Also bin ich einfach zur Zahnärztekammer gegangen und habe erklärt, was ich vorhabe. Und alle, mit denen ich gesprochen habe, haben die Idee sofort unterstützt. Trotzdem war es unheimlich viel Papierkram. Für alles braucht man eine Genehmigung – Unterschriften, Stempel. Aber wir haben es geschafft: Etwa zwanzig Zahnärzte in Frankfurt machen jetzt mit. Etwa viermal im Jahr arbeitet jeder für einen Tag kostenlos in der Straßenambulanz und behandelt obdachlose Patienten.

Warum wir das machen? Alle, die dabei sind, sagen, dass sie das Gefühl haben zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Direkt. Es geht ni

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