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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2020
Erlöse mich aus meiner Angst
Über die therapeutische Wirkung der Religion
Der Inhalt:

»Unser Gedächtnis trügt uns«

von Britta Baas vom 10.05.2020
Wie funktioniert das Erinnern? 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Vergangenheit für jeden eine eigene Welt. Wir deuten Geschichte um, wie es uns passt. Das ist normal. Und gefährlich – sagt der Angstforscher Borwin Bandelow
 Überleben in der Not: Ein Paar transportiert im Jahr 1949 Brennholz auf einem Karren. (Foto: pa/United Archives/Erich Andres)
Überleben in der Not: Ein Paar transportiert im Jahr 1949 Brennholz auf einem Karren. (Foto: pa/United Archives/Erich Andres)

Publik-Forum: Herr Bandelow, der 8. Mai wird als Tag der Befreiung vom Naziregime gefeiert. Spüren auch Enkel und Urenkel noch das Glück dieser Befreiung?

Borwin Bandelow: Heute haben viele Menschen Eltern, die lange nach dem Krieg geboren wurden. Das führt zum Vergessen. Auch die Bewertungen der Vergangenheit ändern sich mit der Zeit. Napoleon zum Beispiel oder Mao Zedong haben schreckliche Dinge getan, sie waren brutale Diktatoren. Aber Mao wird in China wie ein Halbgott verehrt, Napoleon ist als großer Feldherr in die europäische Geschichte eingegangen. Die Vergangenheit wird vielfach komplett anders gedeutet, als sie Menschen einmal erlebt haben. Es sollte mich nicht wundern, wenn Hitler in zweihundert Jahren als großer Stratege dargestellt wird. Ich fürchte, das kann kommen.

Wie ließe sich eine solche Verdrehung der Tatsachen erklären?

Bandelow: Fakten werden immer subjektiv bewertet. Wie wir uns an eine zentrale Person der Geschichte erinnern, hat mit unseren heutigen Interpretationen zu tun. Unser Gedächtnis ist nicht das Gedächtnis unserer Eltern, Großeltern oder anderer Vorfahren. Die Weitergabe von Fakten funktioniert wie das Spiel »Stille Post«: Es werden Dinge hinzugefügt, es werden Dinge weggelassen. So verändern sich Einschätzungen geschichtlicher Ereignisse. Ganz individuell.

Aber sich vorzustellen, dass einmal Hitler gewürdigt würde! Das hieße, dass unser gesellschaftliches Gedächtnis versagt.

Bandelow: Es gibt kein kollektives Gedächtnis. Jeder Mensch hat seine eigene Version. Es gibt zwar in einer Gesellschaft immer Gruppierungen

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