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Muslime gegen Terror

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 17.06.2017
Am heutigen Samstag demonstrieren Muslime in Köln für den Frieden. Das ist gut, denn sie setzen damit ein sichtbares Zeichen. Aber ob es diejenigen überzeugen wird, die am lautesten fordern, Muslime müssten sich endlich vom Terror distanzieren? Ein Kommentar
Die muslimische Demo in Köln ist bei weitem nicht die erste ihrer Art: Hier demonstrieren Musliminnen Mitte Juni in Glasgow gegen islamistische Fanatiker und deren Missbrauch der Religion (Foto: pa/Jane Barlow)
Die muslimische Demo in Köln ist bei weitem nicht die erste ihrer Art: Hier demonstrieren Musliminnen Mitte Juni in Glasgow gegen islamistische Fanatiker und deren Missbrauch der Religion (Foto: pa/Jane Barlow)

Die Muslima Lamya Kaddor hat die Nase voll. Voll davon, sich von Islamgegnern anhören zu müssen, Muslime distanzierten sich nicht genug vom Terror. Und auch davon, sich von selbst ernannten Gotteskriegern die Deutungshoheit über den Islam nehmen zu lassen. Deswegen organisiert die Islamwissen- schaftlerin und Lehrerin gemeinsam mit dem Friedensaktivisten Tarek Mohamad eine Demonstration. Unter dem Motto »Nicht mit uns!« findet am 17. Juni in Köln ein Ramadan-Friedensmarsch statt. Gegen den Terror und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Hunderte deutsche Muslime und Vereine haben den zugehörigen Aufruf unterzeichnet, darunter der Liberal-Islamische Bund, der Zentralrat der Muslime, die Ahamadiyya und die Türkische Gemeinde in Deutschland. Zur Demo werden Tausende erwartet. Auch Nicht-Muslime sind ausdrücklich willkommen.

Das mediale Echo auf diesen Friedensmarsch ist groß. Das zeigt: Diese Demo trifft ins Herz der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Denn immer wieder wird die Forderung laut: »Muslime müssen sich stärker distanzieren«. Aber distanzieren kann man sich nur von etwas, dem man sich vorher zugehörig gefühlt hat. Das unterstellt allen Muslimen eine Nähe zu gewalttätigen Fundamentalisten. Und so ist es verständlich, dass viele Muslime ablehnend auf die oft vorwurfsvoll vorgetragene Forderung reagieren. Die Journalistin und Feministin Kübra Gümüsay etwa schreibt dazu, sie empfindet die »grundsätzliche Unterstellung, Muslime könnten – ja, ich könnte – dem Morden, dem Blutvergießen, dem Leiden, der Gewalt, der Brutalität, der Abscheulichkeit auch nur in irgendeiner Hinsicht zustimmen« als »verstörend«, als Affront.

»Wir distanzieren uns schon längst!«

Was aber für viele deutsche Muslime fast noch schwerer wiegt, ist die Ignoranz, die in der Forderung nach Distanz mitschwingt. Denn sie distanzieren sich ja längst! Nach jedem Anschlag, der von Islamisten begangen wird, gibt es Kampagnen, Mahnwachen, Statements und Demonstrationen von Musliminnen und Muslimen in Deutschland und weltweit. Es gibt offizielle Erklärungen von Islamverbänden genau so wie Hashtags in den sozialen Netzwerken, zum Beispiel #notinmyname nach dem Anschlag auf »Charlie Hebdo« in Paris. In arabischen Ländern zeigen islamische Gelehrte anhand von theologischen Reflexionen, dass Terror keine legitime Begründung im Islam hat.

Aber all das scheint die Mehrheitsgesellschaft gar nicht wahrzunehmen. Da ist es nachvollziehbar, wenn muslimische Persönlichkeiten wie die Publizistin Khola Maryam Hübsch emotional werden, wie jüngst in der Talkrunde Maischberger. Sie antwortete auf den Vorwurf, Muslime müssten sich distanzieren, fassungslos und wütend zugleich: »Was glauben Sie eigentlich, was wir seit dem 11. September 2001 tagtäglich tun?«

Muslime als treibender Motor der Friedensbewegung?

Es ist gut, dass Muslime wie Lamya Kaddor solche Friedensmärsche organisieren. Es ist zu begrüßen, dass Menschen wie Kübra Gümüsay mit Blick auf Islamkritiker betonen: »Nichts, was wir Muslime tun oder sagen, wird ihren Hass besänftigen können« – und dass sie trotzdem am Samstag an der Demo teilnehmen wird. »Statt uns an ihnen (Islamhassern, Anm. d. Red.)abzuarbeiten, könnten wir der treibende Motor einer Friedensbewegung sein«, sagt sie.

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Das ist ein wunderbares Engagement. Nur: Erwarten oder gar verlangen kann man es nicht. Denn engagierte Menschen sind rar gesät. Wie viele deutsche Christen sind in der Friedensbewegung aktiv, setzen sich gegen den Drohnenkrieg ein, bei dem un- schuldige Männer, Frauen und Kinder umgebracht werden? Wie viele von uns gehen regelmäßig zu Kundgebungen gegen Pegida und zeigen so: »Mit diesen Christen haben wir nichts zu tun«? Wie viele Deutsche distanzieren sich, wenn andere Deutsche mal wieder ein Flüchtlingsheim anzünden? Wie viele Christen veranstalten eine Mahnwache, wenn fundamentalistische Glaubensbrüder in den USA Koran-Exemplare verbrennen?

Der Islamverband DITIB ist nicht dabei

Wir sollten nicht den Fehler machen, die Demonstration in Köln als Lackmustest für die Gesinnung »der« Muslime in Deutschland anzusehen. Wer da nicht mitmacht, sympathisiert mit dem Terror? So einfach ist es nicht. Natürlich ist es bedauerlich, dass der größte Islamverband – DITIB – sich dem Marsch nun doch nicht anschließt. Aber wenn dieser in dem Aufruf eine »mediale und politische Effekthascherei« sieht und sich stattdessen dafür entscheidet, am Tag zuvor in allen DITIB-Moscheen in Deutschland ein gemeinsames Bittgebet gegen den Terror und für den Frieden zu sprechen, ist das ebenfalls anzuerkennen.

Zugleich übt der Moscheeverband grundsätzliche Kritik: Forderungen nach muslimischen Anti-Terror-Demos seien »der falsche Weg und das falsche Zeichen, denn diese Form der Schuldzuweisung spaltet die Gesellschaft.« Es sei Aufgabe der gesamten Gesellschaft, ein Zeichen gegen den Terror zu setzen. Fast haargenau so formulierte es einige Tage zuvor die SPD-Politikerin und Integrationsbeauftragte der Bundes- regierung, Aydan Özoguz. Nur dass es bei ihr niemand so schlimm fand.

»Ein Friedensmarsch im Ramadan, initiiert von Muslimen, unterstützt von unterschiedlichen Akteuren der Gesellschaft, wäre ein symbolträchtiges Signal«, schreiben die Organisatoren in ihrem Aufruf. In der Tat, das ist es. Also: Machen Sie auch mit?

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