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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2018
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Der Inhalt:

Ist der Pazifismus am Ende?

Nein. Es gibt keine Alternative zu Gewaltfreiheit, wenn die Menschheit überleben soll, meint Ruth Misselwitz. Mit immer mehr Waffen sind die Probleme nicht zu lösen. Sie antwortet auf den Politologen Jochen Hippler. Ein Beitrag in der Publik-Forum-Debattenreihe »Streitfragen zur Zukunft«
Der Pazifismus ist nicht am Ende meint Ruth Misselwitz, Pfarrerin und langjährige Vorsitzende von Aktion Sühnezeichen (Fotos:  pa/Bildagentur-O; Pramme)
Der Pazifismus ist nicht am Ende meint Ruth Misselwitz, Pfarrerin und langjährige Vorsitzende von Aktion Sühnezeichen (Fotos: pa/Bildagentur-O; Pramme)

Nach Meldung des schwedischen Friedensforschungsinstitutes Sipri wurde weltweit noch nie so viel Geld in Rüstung und Militär investiert: 1,74 Billionen Dollar! Angesichts wachsender Spannungen auf der Welt wird derzeit so stark aufgerüstet wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Auch Deutschland hat seine Rüstungsausgaben deutlich erhöht. Diese Aufrüstungsspirale widerspricht jeglicher politischen Vernunft.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 17/2018 vom 07.09.2018, Seite 18
Angst
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Pazifismus

Krieg ist eines der schrecklichsten Übel, das sich Menschen antun. Die Geschichte hat gelehrt, dass es keine »gerechten« und keine »sauberen« Kriege gibt. Die Gewaltexzesse, die sich aus der Dynamik und der Logik eines Krieges entwickeln, entziehen sich oftmals der militärischen Kontrolle, zerstören Leben und verwüsten die Natur.

Spätestens nach dem Einsatz der ersten Atombombe wurde klar, dass diese Waffe alles zerstört, was sie angeblich schützen soll. Solange es Staaten gibt, die für sich den Besitz und die Androhung vom Einsatz der Atombomben in Anspruch nehmen und darüber entscheiden, wer im Besitz dieser Waffen sein darf und wer nicht, wird es weltweit einen Kampf gegen solch eine Vormachtstellung geben. Nur ein für alle geltendes generelles Verbot von Atomwaffen kann die derzeitige wahnwitzige atomare Aufrüstung stoppen.

Zu den Gewinnern von Kriegen gehört nicht die Bevölkerung, sie zahlt – egal auf welcher Seite – vor allen anderen den Preis mit Menschenopfern und Heimatverlust. Zu den Gewinnern gehören auf beiden Seiten diejenigen, die am Boom der Rüstungsindustrie verdienen. Es ist dringend geboten, die Fluchtursachen zu bekämpfen, und das heißt – die Kriege zu beenden. Die Frage, ob der Pazifismus am Ende wäre, ist angesichts der gegenwärtigen und zukünftigen Weltprobleme eine sarkastische Frage. Wir haben keine Alternative, wenn wir auf dieser Erde überleben wollen.

Pazifismus ist nicht passiv

Fälschlicherweise wurde der Pazifismus in der Vergangenheit und in der Gegenwart immer als eine passive, demütige und schicksalsergebene Haltung diffamiert, wie die Behauptung von Heiner Geißler zeigt, dass »der Pazifismus Auschwitz erst möglich gemacht habe«. Pax facere, das heißt: Frieden machen, Frieden tun – und meint eine aktive, politische Geisteshaltung, die eine Veränderung bestehender ungerechter Verhältnisse und die Beendigung von Kriegen mit Mitteln der Gewaltlosigkeit anstrebt. Viele Pazifisten haben wegen dieser Überzeugung ihr Leben geopfert, insbesondere im Nationalsozialismus.

Als langjährige Vorsitzende von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. habe ich in der Arbeit mit überlebenden Opfern des Zweiten Weltkrieges gelernt, dass Kriegstraumata und Verletzungen der Menschenwürde Spuren bis in die dritte Generation hinterlassen. Im menschlichen Gedächtnis bleiben Ängste und Gewalterfahrungen lange tief verankert. Bis heute stoßen wir bei gewaltsamen Konflikten auf Ursachen, die Generationen zurückliegen können.

Zweimal wurde von deutschem Boden ein Weltkrieg entfacht. Damit nicht noch ein dritter hinzukommt, wurde das Land nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt. Als wir 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands feierten, durften wir auf einen Prozess stolz sein, der einmalig in der europäischen Geschichte war. Die Mauer – Sinnbild der Konfrontation zwischen zwei feindlichen Blöcken, die bis an die Zähne mit konventionellen und atomaren Waffen aufgerüstet waren – fiel ohne Gewalt und Blutvergießen. Neben vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielten, war es der Wille auf beiden Seiten, keine Gewalt anzuwenden, war es die Praxis einer Entspannungspolitik von Willy Brandt, die vertrauensbildende Maßnahmen schuf, war es das Konzept der gemeinsamen Sicherheit von Olof Palme, die Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) von Michail Gorbatschow und die Bereitschaft, über das Blockdenken hinaus zu denken. Nicht zuletzt waren es die vielen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten in Ost und West, die sich für Frieden und Abrüstung einsetzten. Die evangelische Kirche in der DDR war ein Garant für diese Gewaltlosigkeit.

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Heute – 29 Jahre danach – hat die Bundesregierung Kriterien für Rüstungsexporte aufgestellt, wonach die Güter nicht für Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden oder zur Verschärfung von Krisen beitragen dürfen. Trotz dieser Kriterien gelangen direkt oder indirekt in immer höherem Maße Rüstungsgüter in Krisenregionen wie den Nahen und Mittleren Osten, Saudi Arabien und auch in die Türkei. Der grausame Krieg im Jemen wird somit auch mit deutschen Waffen geführt. In dem Rüstungsexportbericht der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE), der von evangelischen und katholischen Fachkräften für das Jahr 2017 erstellt wurde, heißt es: »In kaum einer anderen Weltregion wird so massiv aufgerüstet wie im Nahen Osten. Ein Mehr an Waffen schafft jedoch in der Regel keinen Gewinn an Sicherheit und Stabilität, sondern führt zur allgemeinen Verunsicherung potenzieller Konfliktparteien.«

Wo militärisch interveniert wurde, Waffengewalt also kurzfristig Waffenruhe brachte, gibt es aber noch lange keinen Frieden. So geschehen in Somalia, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien. So bleibt es bei der Nachfrage nach Waffen. Der Gewinn der Waffenproduzenten ist sicher.

Es ist eine Tatsache, dass Kriege und Menschenrechtsverletzungen zu den häufigsten Fluchtursachen gehören. Das, was wir an Fluchtszenarien erleben, ist erst der Anfang einer weltweiten Völkerbewegung. Mit bewaffneten Soldaten, die unsere Grenzen schützen sollen, werden wir dieses Menschheitsproblem nicht lösen.

Dabei gewinnt – entgegen der internationalen militärischen Entwicklung – die Anwendung gewaltloser Mittel in Konfliktsituationen sowohl im familiären als auch in gewissen gesellschaftlichen Bereichen immer mehr Akzeptanz. Die Anwendung von häuslicher Gewalt gegen Kinder und Frauen steht seit 2001 unter Strafe. Und die vielen NGO-Gruppen, die sich in die Konfliktzonen der Erde begeben und mit Mitteln der Gewaltlosigkeit Lösungen für die Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen suchen, sind ein beredtes Beispiel dafür. Dass die Ausbildung und Anwendung der gewaltfreien Konfliktlösung immer noch so wenig Raum in der internationalen Politik einnimmt, hat weniger damit zu tun, dass sie nicht erfolgreich wäre. Es hat vielmehr mit dem unerschütterlichen Glauben an militärische Sicherheit und Stärke zu tun und mit dem enormen Einfluss der Waffenindustrie, die am Gewinn orientiert ist. Gut sichtbar bei der Weigerung der Politiker in den USA, ein Verbot von privaten Waffen einzuführen, wie es Schülerinnen und Schüler forderten.

Zivile Krisenprävention ausbauen

Um in einer Welt überleben zu können, die mit Massenvernichtungswaffen vollgepumpt ist, die Schere zwischen Arm und Reich immer größer und die Umwelt immer mehr zerstört wird, ist die Überwindung von nationalen, kulturellen, religiösen, ideologischen Abgrenzungen längst überfällig. Die Menschheit kann nur gemeinsam überleben.

Forderungen an Deutschland, mehr militärische Verantwortung in der Welt zu übernehmen aufgrund seiner wirtschaftlichen Potenz, werden im In-und Ausland immer lauter. Das Gegenteil aber ist notwendig: eine konsequente Politik der militärischen Nichteinmischung. Als ehrlicher Makler und Mediator, ohne militärische und geostrategische Eigeninteressen, könnte Deutschland eine Rolle einnehmen, wie es unter anderen die Schweiz und Norwegen tun, die in zahlreichen Konflikten erfolgreich vermittelt haben. Keine Erhöhung von Rüstungsausgaben, sondern mehr Geld für den Ausbau der Instrumente ziviler Krisenprävention – das ist der Weg zum Frieden in unserer Welt. Wenn Institutionen wie die UN-Blauhelme politisch und finanziell besser ausgestattet und anerkannt werden, könnten Gewaltexzesse wie in Srebrenica oder Ruanda verhindert werden.

Wir Christen tragen den Namen eines Mannes, der bis zum Schluss auf eine andere Kraft als auf die Gewalt setzte – man wird uns also nicht an unserem Namen, sondern an unseren Früchten erkennen.

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Heidrun Meding
15.09.201812:14
Jeder/m Pazifistin/en dürfte klar sein, daß es Frieden weltweit, also die Abwesenheit von Krieg und Zerstörung, niemals geben darf? Warum nicht?
Weil dadurch das "Geschäftsmodell" des Militärisch-industriellen Komplexes ins Wanken geraten würde, schlimmstenfalls zum Erliegen käme.
Mit der Herstellung von Kriegsgerät werden in den kapitalistischen Staaten (andere gibt es bekanntlich kaum noch) Millionen-, nein Milliardengewinne erzielt.
Diejenigen, die an diesem Rüstungsgeschäft teilhaben, werden einen Teufel tun und ihre Pfründe deshalb mit allen Mitteln zu verteidigen versuchen.
Die größten Kriegsgeräte-Produzenten befinden sich bekanntlich in den USA. Schon deshalb muß die US-Administration alles daransetzen, die Rüstungsproduktion zu stützen. Politiker und ihre Lobbyisten profitieren schließlich an vorderster Stelle ebenfalls von den exorbitanten Rüstungsgewinnen.
Wie können wir diese Spirale der Gewalt stoppen? Darüber sollten wir uns immer wieder Gedanken machen.
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