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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2020
Der Sinnlosigkeit widerstehen
Ostern in der Corona-Krise
Der Inhalt:

»Ich leide mit ihnen«

von Ludwig Greven vom 25.04.2020
Sozialprotokoll: Er pflegt Demente in einem Altenheim – ohne Mundschutz, ohne Anleitung und hat Angst, sie anzustecken. Der Altenpflegeschüler Daniel Tesfazgi (30) berichtet
Sorgt sich um die Senioren: Altenpflegeschüler Daniel Tesfazgi (Foto: Greven)
Sorgt sich um die Senioren: Altenpflegeschüler Daniel Tesfazgi (Foto: Greven)

Vor fünf Jahren bin ich aus Eritrea, aus einer der schrecklichsten Diktaturen der Welt, nach Deutschland geflohen. Seitdem wohne ich in einem Dorf in Schleswig-Holstein. Erst habe ich dort als Erntehelfer gearbeitet. Seit dem Herbst mache ich eine Ausbildung zum Altenpfleger. Weil die Schule im Moment wegen Corona geschlossen ist, arbeite ich nun in einem Alten- und Pflegeheim: sieben Tage die Woche, manchmal neun Stunden am Tag, für 420 Euro netto im Monat.

Meine kleine Wohnung zahlt das Jobcenter. Das Pflegeheim gehört einem großen Konzern, der zwanzig Einrichtungen in Deutschland betreibt. Wir Altenpfleger sind miserabel ausgestattet. Ich habe zwar Einmal-Handschuhe an, aber keinen Mundschutz, wenn ich die Bewohner aus dem Bett hole, wasche und anziehe, ihnen auf die Toilette helfe oder ihnen Essen reiche.

Für mich ist das sehr schwer. Die alten Menschen brauchen körperlichen Kontakt! Wenn ich sie anfasse und sie anlächele, lächeln sie. Aber ich soll ja nun Abstand halten. Das geht aber nicht. Ich leide mit ihnen.

In Eritrea kümmert sich die ganze Familie um die Eltern und Großeltern. Hier werden sie teilweise so behandelt wie die Hunde in meiner Heimat. Nach dem Ende der Ausbildung will ich das hier deshalb nicht weitermachen.

Wenn ich nach dem Dienst in meiner Wohnung bin, kehren meine Gedanken immer wieder zu meiner Flucht aus Eritrea zurück. Ich bin aus einem Militärcamp geflohen. Die Militärpolizei hatte mich gesucht, weil ich als frommer Katholik heimlich Bibelstunden gegeben hatte. Sechs Tage bin ich durch ein hohes Gebirge Richtung Sudan gelaufen, immer in Todesangst, erwischt zu werden. Nur mein Glaube hat mich gerettet. Ständig habe ich zu

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