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Heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen

von Markus Dobstadt 31.01.2017
Unter diesem Motto feierte Publik-Forum eine große Jubiläums-Matinee zum 45-jährigen Bestehen. Über 400 Gäste kamen in das Frankfurter Dominikanerkloster. Es ging um die Folgen der Globalisierung, um Hoffnung – und ums Tanzen
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45 Jahre Publik-Forum: Im Festsaal des Frankfurter Dominikanerklosters wurde dieser Geburtstag am 29. Januar mit über 400 Gästen gefeiert. (Foto: Publik-Forum/Barbara Wetzel) Mehr Fotos in der Galerie
45 Jahre Publik-Forum: Im Festsaal des Frankfurter Dominikanerklosters wurde dieser Geburtstag am 29. Januar mit über 400 Gästen gefeiert. (Foto: Publik-Forum/Barbara Wetzel) Mehr Fotos in der Galerie
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»Alles Große fängt ganz klein an. Eine Sehnsucht kommt zum Zug. Erinnere dich, zwölf Jünger waren genug!«, sang das Duo Camillo am Sonntag, und die Zeilen von Fabian Vogt und Martin Schultheiß passten perfekt zum Anlass: Publik-Forum feierte sein 45-jähriges Bestehen (Fotogalerie zum Fest siehe oben).

Der Verlag hat tatsächlich klein, sehnsuchtsvoll und mit einer mutigen Initiative angefangen: dem Entschluss des Journalisten Harald Pawlowski und einiger Mitstreiter, die Einstellung der Wochenzeitung Publik durch die deutschen katholischen Bischöfe Ende des Jahres 1971 nicht einfach hinzunehmen – und zusammen mit einer Leserinitiative die Zeitschrift neu zu gründen.

Das Duo Camillo ließ es sich nicht nehmen, an die stete Reformkraft der Zeitschrift und ihrer Redaktion zu appellieren: »Es wird mal wieder Zeit für eine Reformation«, sangen sie, und bei der Liedzeile »schon Luther fand, dass es so nicht weitergeht« riss – man könnte es als ein Zeichen des Himmels deuten – eine Gitarrensaite. Es schien fast, als ob der Reformator an die immerwährende Notwendigkeit, Altes zu verabschieden und Neues zu wagen, erinnern wollte.

Am 28. Januar 1972 erschien die erste Ausgabe von Publik-Forum. Zwölf Seiten waren für den Anfang genug. Heute hat das längst groß gewordene Magazin in der Regel 64 Seiten, bei einer Auflage von rund 35000 Exemplaren, der Verlag finanziert sich selbst und ist keinem Geldgeber Rechenschaft schuldig, außer seinen Lesern. In über 40 Leserkreisen treffen sie sich regelmäßig, um zu diskutieren.

Geblieben ist die Haltung, die am Anfang stand: die Vorsitzende der Leserinitiative, Agnes Frei, charakterisierte sie als »streitbar, mutig, nicht leise und mit viel Liebe zum Detail«. Dem folgte Publik-Forum auch bei der Jubiläums-Matinee. Statt mit der Geschichte des Blattes befasste sich Chefredakteur Wolfgang Kessler mit der Frage, wie die Welt von heute derart aus dem Lot geraten konnte.

»Die Erde bebt«

»Die Erde bebt«, fasste er die Entwicklungen der jüngsten Zeit – wie den Krieg in Syrien, das weltweite Flüchtlingsdrama, den Terror durch Islamisten, die Anschläge auf Asyleinrichtungen in Deutschland, das Erstarken des Populismus, die Trump-Wahl und weitere desaströse Entwicklungen zusammen. »Die verrohte Welt macht Angst«, sagte er. Wie konnte sie nur entstehen?

Kessler nannte die Überwindung des Sozialismus und die Friedliche Revolution in Deutschland – ein »Highlight der Geschichte« – als Startpunkt für eine auch wirtschaftliche Revolution. Der Kapitalismus habe sich in der Folge weltweit ausgebreitet. Riesige Kapitalmengen wanderten heute in Millisekunden um die Welt, gesteuert von Computern. Der reale Welthandel habe sich seit 1995 versechsfacht. »Der Kapitalismus sollte in alle Poren des Lebens auf der ganzen Welt eindringen. Und es geschah«, sagte Kessler. Mit durchaus auch positiven Auswirkungen. Der Hunger in der Welt sei verringert und der Lebensstandard in den Schwellenländern für Millionen Menschen verbessert worden, auch die Demokratisierung vieler Länder wurde befördert, etwa in Lateinamerika.

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Doch auf der anderen Seite steht: »Unter dem positiven Leitbegriff der Freiheit exportierte der Westen insbesondere das kapitalistische Denken, die Gier nach Reichtum, das Bewusstsein, dass nur zählt, wer und was sich rechnet.« Nicht jeder könne bei dem Tempo mithalten. Ganze Industrieregionen in den USA und Großbritannien seien verödet, in Afrika und im Nahen Osten habe die Konkurrenz die lokalen Märkte zerstört. Und »noch nie zuvor war der Reichtum weltweit so ungleich verteilt wie zurzeit«, sagte Kessler. Die acht reichsten Menschen besäßen so viel wie etwa die Hälfte der Menschheit.

»Statt der Verheißung von Freiheit und Wohlstand für alle erleben wir eine Welt, in der alle gegen alle um mehr Lebenschancen und politischen Einfluss kämpfen«, sagte Kessler. Es seien die Folgen dieses Kampfes, die wir derzeit beobachteten – mit wachsenden Aggressionen einerseits und andererseits einer zunehmenden »Sehnsucht nach der angeblich so heilen Welt vor der Globalisierung«. Doch Kessler sieht auch Anzeichen dafür, dass »ein Nachdenken begonnen hat«. Zahlreiche junge Menschen träten in demokratische Parteien ein, in den USA hätte die New York Times 50000 Abonnements dazugewonnen, etliche Staaten wollten den Klimaschutz weiter vorantreiben. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, zitierte Wolfgang Kessler den Dichter Hölderlin und wünschte sich »noch viele Zeichen der Rettung«.

Was macht Hoffnung?

Wie bewahrt man sich in diesen Zeiten die Hoffnung? Das war das Thema einer anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Publik-Forum-Redakteurin Elisa Rheinheimer-Chabbi. Die Debatte drehte sich um Europa, die »Kraft der Zivilgesellschaft« und die Rolle der Medien und Religionen. Friedensforscher Markus Weingardt zeigte auf, in wie vielen Konflikten Religionsvertreter zu friedlichen Lösungen beigetragen haben: etwa im Kongo, in Mozambik oder bei der Friedlichen Revolution in der DDR. Es gebe viele Beispiele, doch davon werde, außer in Publik-Forum, selten berichtet. Medien würden stattdessen ein »Zerrbild von Religion« zeichnen. »Mit ganz fatalen Folgen für die politische Meinungsbildung«, sagte Weingardt.

Wolfgang Kessler sagte, dass sich »bad News« leider besser verkauften. Der Grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold warnte vor einer generellen Medienkritik, wie es sie auch von rechts gebe. Er betonte, für ihn sei ein Moment der Hoffnung, dass sich auch die Zivilgesellschaft globalisiere und eine »Gegenkraft« zum Populismus bilde. Nach der Einführung Trumps als US-Präsident habe es zum Beispiel nicht nur in den USA Protest-Demonstrationen von Frauen gegeben, sondern an 600 Orten weltweit. Er erinnerte daran, dass in Deutschland das Engagement für Flüchtlinge in den Kirchengemeinden eine »Massenbewegung« sei, »um die uns viele beneiden«. Als eine weitere Gegenkraft sieht er Europa, das »über die Grenzen hinweg« ermögliche, Recht zu setzen. In Fragen der Sicherheit, der sozialen Gerechtigkeit, der ökologischen Krise könne kein Staat alleine alles regeln. Er wünschte sich die Entstehung einer Weltgesellschaft, die »den entgrenzten Märkten etwas entgegenhält«.

Der Europa-Abgeordnete beklagte, dass sich Erfolge gerne die Nationalstaaten selbst zuschrieben, wie die Einführung eines Girokontos für jedermann, Misserfolge jedoch der EU. Ein großer Erfolg Europas sei zuletzt der Abschluss des Welt-Klimaabkommens gewesen, das in Paris verhandelt wurde. »Wir werden uns nach Europa sehnen, wenn es von den Populisten zerstört worden ist«, sagte der Grünen-Abgeordnete, der glaubt, dass wenn Europa sich handlungsfähig zeige, es von den Bürgern auch angenommen werde. Er forderte ein Ende der »Hinterzimmerdeals« in Brüssel und ein »Ende des Lobbyismus«.

Was macht noch Hoffnung? Fanny Dethloff, ehemalige Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche und jetzige Notfallseelsorgerin, beschwor die »Dennoch-Kraft« des Gebetes und erwähnte die 308 Kirchenasyle in Deutschland und ein Netzwerk von 280 Kirchengemeinden in der Nordkirche, die sich für Flüchtlinge einsetzten. Als Flüchtlingsbeauftragte habe sie zwölf Abschiebungen verhindern können.

Die Runde befasste sich auch mit der AfD. »Klare Positionen« unter den demokratischen Parteien würden die Populisten schwächer machen, meinte Sven Giegold. »Klare Kante« in der Auseinandersetzung empfahl auch Wolfgang Kessler – und Aufklärung: Wer wisse, dass die AfD ein neoliberales Wirtschaftsprogramm vertrete? Er begrüßte, dass die AfD beim Katholikentag in Leipzig auf Podien nicht erwünscht war.

»Luther bei die Fische«

Und dann begann das Kabarett mit dem Duo Camillo: »Luther bei die Fische« hieß das Programm. Und auch da konnte man einiges lernen, diesmal über die Publik-Forum-Leserinnen und Leser. Sie sollten Fabian Vogt Stichwörter zur Zukunft von Publik-Forum zurufen, aus denen er einen gelungenen Song strickte: Man staunte, auch eine Kinderseite zur Nachwuchsförderung und sogar Tanzkurse sollen demnach künftig zum Publik-Forum-Programm gehören. Vielleicht käme das ja sogar an. »Wir wollen dich tanzen sehen«, hatte Fabian Vogt zuvor gesungen. Und eine Besucherin ließ sich gleich im Saal inspirieren – und tanzte drauf los.

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