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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2017
Reformationsjubiläum: Was bleibt?
Ein Streitgespräch zwischen Thies Gundlach, Margot Käßmann und Dorothea Wendebourg
Der Inhalt:
von Heike Baier vom 15.11.2017
Heute mit dem Jugendamt verhandeln, morgen bei den Vergleichsarbeiten gut dastehen: Der Lehrerberuf in der Grundschule hat sich verändert. Viele Lehrkräfte leiden an dem Gefühl, nicht mehr allen Kindern gerecht werden zu können
Manchmal mit der Kraft am Ende: Wer in der Grundschule arbeitet, hat heute multikomplexe Probleme zu meistern. (Foto: imago/photothek)
Manchmal mit der Kraft am Ende: Wer in der Grundschule arbeitet, hat heute multikomplexe Probleme zu meistern. (Foto: imago/photothek)

Es gibt Arbeitstage, die strapazieren Silvia Hürths Geduld aufs Äußerste, ehe sie überhaupt begonnen haben. Wie neulich, als die Grundschullehrerin bereits um sieben Uhr in der Schule war, obwohl ihr Unterricht erst um 8.45 Uhr beginnen sollte: Sie ist mit Dragans Eltern zum Gespräch verabredet. Es geht darum, dass der Junge immer wieder andere Kinder angreift. Zu Hause hat sich die Lehrerin noch eine halbe Stunde Notizen gemacht, denn sie will vorbereitet sein. Doch nun sitzt sie da und wartet. Niemand erscheint, auch an ihre Handys gehen weder Mutter noch Vater. Erst nach Tagen und auf Nachfrage wird sie eine fadenscheinige Entschuldigung bekommen.

»Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen«, findet die Lehrerin in solchen Momenten. Damit sie mit den Kindern vorankommt, müssen die Eltern mitziehen. Ein Großteil der Eltern macht das aber nicht. Denn die Schule von Silvia Hürth, die im richtigen Leben genau wie Dragan anders heißt, liegt in einem sozialen Brennpunkt von Frankfurt am Main.

In ihre Klasse kommen Kinder, die zu Hause mit dem Gürtel geschlagen werden. Die morgens im Kühlschrank nichts zum Frühstück finden. Die im Winter ohne Strümpfe zur Schule gehen. Die Hälfte der 24 Schüler bekam die Klassenfahrt vom Jugendamt bezahlt, hundert Prozent haben einen Migrationshintergrund. Sprachvorbilder fehlen zu Hause, viele Familien sind zerrüttet. »Die Eltern sind ganz viel mit sich selbst beschäftigt und können ihren Kindern nicht helfen, weder sprachlich noch emotional«, berichtet die Lehrerin. »Wenn sie in die erste Klasse kommen, ist so wenig angelegt von den Kompetenzen, die sie bräuchten, um einen Schulalltag zu meistern.«

Ein Kind will nicht in die Pause

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