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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2017
Reformationsjubiläum: Was bleibt?
Ein Streitgespräch zwischen Thies Gundlach, Margot Käßmann und Dorothea Wendebourg
Der Inhalt:

»Vorbereitet sein«

von Barbara Tambour vom 10.11.2017
Woran erkennt man, dass ein Mensch stirbt? Und wie kann man einen Sterbenden begleiten? Das lernt man im Kurs »Letzte Hilfe«

Im Erste-Hilfe-Kurs übt man die Herz-Lungen-Wiederbelebung und die stabile Seitenlage. Fast jeder hat schon mal einen absolviert. Ganz anders der Kurs in »Letzter Hilfe«, ein neues Angebot in Deutschland. Nicht um »Leben retten« geht es darin, sondern darum, schwer erkrankte und sterbende Menschen am Lebensende zu umsorgen. Etwa einmal im Monat bietet das Würdezentrum, das im Umfeld des Palliativteams Frankfurt entstanden ist, diesen Kurs an. An einem sonnigen Samstag im Herbst nehmen 13 Frauen und ein Mann an dem vierstündigen Kurs teil. Sie sitzen auf maigrünen Polsterstühlen im Halbkreis. Schon in der Vorstellungsrunde wird deutlich: Alle bringen persönliche Erfahrungen mit. Eine 49-Jährige hadert damit, dass in ihrer Familie die schwere Krebserkrankung ihrer Tante »totgeschwiegen« werde. Zwei Damen in den Siebzigern – die weißen Haare am Hinterkopf hochgesteckt – haben vor Kurzem erlebt, wie eine Freundin ihre letzten Lebenstage im Hospiz verbrachte und dort starb. »Wir sind die Jüngsten in unserem Freundeskreis«, sagt Ilse Bühler, eine der beiden. »Wir wollen vorbereitet sein.« Genau das möchten die Kursleiterinnen – eine Krankenschwester und eine Ärztin – erreichen: Basiswissen, Orientierungen und einfache Handgriffe vermitteln rund um die Begleitung Sterbender auf der Grundlage des Hospizgedankens.

Kursleiterin Annette Rudolph hat viele Einsätze als Notärztin hinter sich. Die Anästhesistin, die im Palliativteam arbeitet, legt den Teilnehmern ans Herz: »Niemand muss ins Krankenhaus! Jeder darf entscheiden: Ich will aber nicht.« Der Wille des Patienten sei unbedingt zu respektieren.

Eine Teilnehmerin widerspricht: Der Ehemann einer Bekannten habe einen schweren Schlaganfall erlitten. Als die Ehefrau auf der Intensivstation darauf hinwies, ihr Mann habe in seiner Patientenverfügung bestimmt, dass er keine lebensverlängernden Maßnahmen erhalten wolle, sei sie von der Ärztin brüsk abgebügelt worden. Sie müsse jedes Leben retten, habe die Ärztin gesagt, auf eine Verfügung könne sie keine Rücksicht nehmen. Sieben Jahre, so berichtet die alte Dame, habe der Mann dann noch im Wachkoma gelegen, seine Frau sei an dieser Situation zerbrochen. Die Kursleiterin stellt die rechtliche Lage klar: »Wenn ein Patient gegen seinen Willen behandelt wird, dann ist das Körperverletzung. Kein Arzt darf etwas gegen Ihren Willen tun.«

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