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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

Aus der Katastrophe lernen

von Adam Krzeminski vom 31.08.2014
Vor 75 Jahren begann mit dem Überfall auf meine Heimat Polen der Zweite Weltkrieg. Doch die Geschichte reicht in unsere Tage – bis zum Konflikt um die Ukraine. Betrachtungen zum Gedenkjahr aus polnischer Perspektive
September 1939: Deutsche Soldaten vor dem brennenden Warschau. (Foto: pa/akg)
September 1939: Deutsche Soldaten vor dem brennenden Warschau. (Foto: pa/akg)

Wenn das 20. Jahrhundert in Europa ein deutsches war, dann war es irgendwie auch ein polnisches. Der neue polnische Staat entstand 1918 quasi wie Phönix aus der Asche des Ersten Weltkrieges, infolge der gleichzeitigen Implosion aller drei Teilungsmächte, die 1795 Polen von der politischen Karte Europas ausradierten: Russland, Österreich, Preußen. Dennoch blieb die »polnische Frage« im 19. Jahrhundert eine schwärende Wunde des Kontinents.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 16/2014 vom 29.08.2014, Seite 18
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Frieden schaffen – mit Gewalt?

Polen: Ausradiert durch ein Zusatzprotokoll

1919 im Versailler Vertrag verankert und durch den Sieg über die Rote Armee 1920 im Osten vorerst abgesichert, wurde Polen zur Drehachse in Ostmitteleuropa. Von beiden großen Nachbarn – dem Deutschen Reich und der Sowjetunion – als »Saisonstaat« betrachtet, wurde es im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes vom 23. August 1939 in gegenseitige »Einflusszonen« aufgeteilt und schließlich nach dem deutschen Überfall am 1. September und dem sowjetischen am 17. September erneut »ausradiert«.

Der Zweite Weltkrieg und die Folgen

Dass der »Teufelspakt« doch kein Grab Polens wurde, hatte drei Gründe:

Trotz der pazifistischen Stimmungen im Westen erklärten England und Frankreich am 3. September Nazideutschland entsprechend ihren vertraglichen Verpflichtungen den Krieg. Die reale militärische Hilfe blieb zwar aus, es gelang aber Berlin nicht, den »Fall« Polen zu einem marginalen Scharmützel irgendwo am Rande der zivilisierten Welt zu machen.

Trotz des Desasters Frankreichs im Sommer 1940 entschied sich England unter Winston Churchill, den Krieg weiterzuführen und gewann die Luftschlacht um England.

Das gemeinsame Interesse Hitlers und Stalins an der Zerschlagung Polens erwies sich bald als viel schwächer als der imperiale Gegensatz beider totalitären Systeme. Unabhängig davon, ob Stalin 1941 tatsächlich eine Offensive in Mitteleuropa plante oder ob es für Hitler nur ein Vorwand für den Eroberungskrieg im Osten war, stand die Wiederherstellung der polnischen Souveränität mit dem Beitritt der UdSSR zur Anti-Hitler-Koalition und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der polnischen Exilregierung in London und der UdSSR auf der Agenda der Alliierten.

Polen wird westverschoben

Es war die »polnische Frage«, die nach der Aufdeckung der sowjetischen Massenmorde an polnischen Offizieren sowie nach der vorsätzlichen Untätigkeit der Roten Armee während des Warschauer Aufstandes 1944, den künftigen Kalten Krieg zwischen den Sowjets und den Angelsachsen ankündigte. Enttäuscht über den kommunistischen Zugriff auf Polen ließ Churchill im April 1945 seinen Planungsstab das »Undenkbare« ausloten. Eine militärische Zurückdrängung der Roten Armee aus Polen, um zu erfahren, dass es irrwitzig wäre. Der »polnische Krieg«, für den es ein Verständnis im Westen gegeben hätte, blieb zum Glück aus.

Polen wurde in Potsdam geografisch »westverschoben«, politisch aber der sowjetischen Einflusszone zugeschlagen, was viele für einen Verrat des Westens hielten. Der sowjetischen Bevormundung mussten die Polen alleine standhalten. Und sie taten es, gewaltfrei: 1956, 1968, 1970, 1976, 1980, 1988. Sie konnten zwar keine freie Regierung wählen. Aber sie verstanden es, seit 1956 jeden Parteichef mit Streiks und Demonstrationen zu stürzen. Um maßgeblich zur Revolution von 1989 beizutragen.

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Polen: Lehrstück für aktuelle Krisen?

Diese polnische Geschichte kann in diesem Jahr der Jahrestage – 1914, 1939, 1944, 1989, aber auch 2004 (zehn Jahre seit der EU-Osterweiterung sind vergangen) – ein punktuelles Lehrstück für die Analyse einiger aktueller Krisen an den Rändern der EU sein. Nicht im Nahen Osten und nicht in Nordafrika, wo sich die Arabellion des Jahres 2011 völlig anders als die einstige Revolution im sowjetischen Machtbereich entwickelte. Die Erfahrungen der Solidarnosc oder der DDR-Bürgerrechtler lassen sich kaum auf tunesische, libysche oder ägyptische Zustände übertragen. Auch der Bürgerkrieg in Syrien, geschweige denn die Massenmorde der Islamisten, die im Irak ein »Kalifat« errichten wollen, findet irgendwelche Analogien in der europäischen Zeitgeschichte. Wenn schon, dann muss man sie mit dem türkischen Genozid an den Armeniern 1915, der heute weitgehend geleugnet wird, vergleichen. Franz Werfels Roman »Die vierzig Tage des Musa Dagh« darüber, geschrieben 1933/34 als Warnung vor der sich anbahnenden Verfolgung der Juden, bringt dazu mehr Einsichten als Studien zur Sommerkrise von 1939.

Denn die russisch-ukrainische Krise, Russlands Kampagne gegen einen seit 1991 souveränen Staat, betrifft Europa durchaus. Man kann diese Geschichte in Kapiteln nacherzählen: Von der »Revolution in Orange« 2004 über die Proteste des »Euro-Maidans« über das Massaker an den Protestierenden durch die Spezialeinheit und die Vermittlung der EU und Russlands bis hin zur Einschleusung und Steuerung der »Separatisten« in der Ostukraine.

Kämpfe in der Ostukraine

Diese Kapitel fügen sich durchaus in die Grundlinien der ostmitteleuropäischen und russischen Geschichte. Die Gebietserwerbungen liefen immer wieder nach vergleichbarem Muster ab: Die Nachbarstaaten wurden delegitimiert, Moskau sprach sich das Recht zu, sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen, als selbst ernannte Schutzmacht. So war es im 19. Jahrhundert während der polnischen Aufstände 1830 und 1863, während des ungarischen Aufstandes 1956, des »Prager Frühlings« 1968 und der »Solidarnosc« 1980-81.

Man kann das Jahr 1989 in Ostmitteleuropa durchaus mit der Französischen Revolution von 1789 und der Russischen Revolution von 1917 in eine Linie setzen. Die Friedliche Revolution von 1989 erzwang die Erweiterung der EU, die eine enorme Ausstrahlung auf die früheren europäischen Sowjetrepubliken wie Ukraine und Georgien ausübte. Die Europäische Union war politisch zu amorph, wirtschaftlich zu gespalten und geistig zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um als »samtenes Imperium« aufzutreten. Dennoch wurde sie in Moskau unter Putin zu einer existenziellen Bedrohung. Der Nachfolger Jelzins, sozialisiert durch den russischen Geheimdienst in der DDR, erlebte das Jahr 1989 nicht als eine Befreiung von totalitärer Herrschaft, sondern als eine persönliche Katastrophe. - Ein Paradox der Geschichte, dass sein Vorvorgänger Michael Gorbatschow sie erst ermöglichte. Den Zerfall der UdSSR hält Putin nun für die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts, die er durch die Gründung einer Eurasischen Union rückgängig machen möchte.

Sepratisten: Handlanger einer fremden Macht

Doch Russland vermochte es in den zurückliegenden Jahren nicht, eine für seine Nachbarn transparente und attraktive Einheit zu werden. Die Annexion der Krim und die Separatisten in der Ostukraine beschleunigten nur die Herausbildung einer innerlich ausdifferenzierten, aber immer selbstbewussteren Nation in der Ukraine. Zu keinem Moment gelang den Separatisten eine Bewegung »Heim ins Reich». Sie haben sich als das entpuppt, was sie sind: Handlanger einer fremden Macht.

Das Jahr 2014 ist keine Neuauflage der Jahre 1914, 1939 oder 1944. Geschichte, nach dem Bonmot Kissingers, ist kein Kochbuch, bei jeder Krise muss die Rezeptur neu geschrieben werden. Es gibt aber lange Linien in der Geschichte. Und eine der Lehren aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist für die EU-Mitglieder offenkundig: Die alten Nationalstaaten sind den neuen Herausforderungen nicht mehr gewachsen – und die EU ist es noch nicht. Der frühere Außenminister Joschka Fischer forderte darum jüngst eine neue gemeinsame Außen- und Sicherheits-, aber auch Energiepolitik der EU.

Marschallplan für die Ukraine

Wichtig ist: Der Gesprächsfaden zu Moskau darf nicht abreißen. Aber es wäre an der Zeit, dass die Europäische Union endlich mehr für die Stärkung der Ukraine tut. Etwa mit einem Marshall-Plan im Sinne eines wirtschaftlich und sozial motivierten Hilfeprogramms, das den Aufbau eines wirtschaftlich starken und demokratischen Staates in der Ukraine fördert – ohne das Land beim Westen zu verschulden. Die Ukraine muss zu einem kulturell und zivilisatorisch autonomen Staat werden. Für einen stabilen Frieden, auch das lehrt die Geschichte, ist das unabdingbar.

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