Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Der ist es«

von Ulrike Schnellbach vom 29.08.2014
Gerlinde Ajiboye Ames durfte ihre große Liebe zu einem Nigerianer nicht leben. Nach vierzig Jahren fand sie ihn wieder

Ich habe Richard gesehen, damals in der Kneipe in Leutkirch, und habe zu meiner Schwester gesagt: »Der ist es.« Ich war 23 und nicht gerade selbstbewusst, ein unbedarftes Mädchen vom Land. Ich musste all meinen Mut zusammennehmen, um ihn zum Tanzen aufzufordern. Meine Mutter hat erzählt, dass ich als kleines Mädchen gesagt hätte: »Wenn ich groß bin, gehe ich nach Afrika.« Ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hatte, dass ich mich sofort zu ihm hingezogen fühlte.

Richard ist Nigerianer. Damals, in den 1970er-Jahren im Allgäu, war so eine Beziehung nicht einfach. Meine Mutter war strikt dagegen, und auch seine Mutter war nicht glücklich darüber. Und bei Fremden sind wir auf so viel Anfeindung gestoßen! Ich wurde als »Negerhure« beschimpft, von »Blutschande« war die Rede. Es lag an diesen schwierigen Umständen, dass ich mich nach acht Jahren von Richard getrennt habe. Und auch daran, dass er sich nicht ganz festlegen wollte. Ich war dreißig, ich wollte heiraten und Kinder haben. Ich arbeitete damals als Krankenschwester in der Schweiz, er promovierte in England. Das stand für ihn an erster Stelle. Seine Familie hatte ihm Geld geliehen, um ihm das Chemiestudium zu finanzieren, und das war eine große Verantwortung.

Später heiratete ich einen Freund, der in einer ähnlichen Situation war wie ich: Auch er hatte die Trennung von seiner großen Liebe hinter sich, auch er wünschte sich Kinder, und beide wollten wir in Afrika leben. Ich dachte, es müsste funktionieren, wenn man sich respektiert und gut versteht.

Aber dann kam meine Erkrankung, der erste Multiple-Sklerose-Schub. Ich lag 18 Monate im Krankenhaus, konnte nicht sprechen, nichts sehen, mich nicht bewegen. Als ich für ein Wochenende probeweise nach Hause kam, war ich ein Pflegefall und saß im Rollstuhl. An diesem Wochenende wurde meine Tochter gezeugt.

Der Neurologe riet mir dringend dazu, abzutreiben. In meinem Zustand könne ich unmöglich ein Kind bekommen. Doch meine Tochter ist das Beste, was mir passieren konnte! Aber mit der Ehe klappte es nicht mehr, die Krankheit war eine zu starke Belastung. Außerdem habe ich diesen Mann einfach nicht genug geliebt.

Den Unterschied habe ich sofort gespürt, als ich den Mann meines Lebens wiedersah: Richard. Dieses tiefe, absolute Vertrauen. Und auch das Kribbeln war wieder da, die Schmetterlinge im Bauch – alles wie früher!

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen