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Wunden der Erde

von Michael Schrom 18.02.2019
Der Regisseur Nikolaus Geyrhalter zeigt in seiner Dokumentation »Erde« die größten Baustellen der Welt. Zu sehen ist, wie dramatisch der Mensch den Planeten verändert. Fragen an ihn
Berlin und die Kunst: Das Logo der Berlinale spiegelt sich in einem Wasserlauf auf dem Potsdamer Platz. (Foto: pa/Fischer)
Berlin und die Kunst: Das Logo der Berlinale spiegelt sich in einem Wasserlauf auf dem Potsdamer Platz. (Foto: pa/Fischer)

Publik-Forum.de: Herr Geyrhalter, Sie zeigen in Ihrer Dokumentation die größten Baustellen der Erde wie offene Wunden. Das erweckt den Eindruck: Der Mensch tut da etwas, was er eigentlich nicht darf.

Geyrhalter: Ja, das stimmt. Das ist auch beabsichtigt. Aber zugleich denkt der Zuschauer weiter und versteht, dass jede dieser Wunden einen Grund hat, der in unserer Lebensform begründet liegt. Es sind jedenfalls nicht die Baggerfahrer, denen man die Schuld zuschreiben kann. Der Lebensstil unserer Gesellschaft, unser Konsum und die Anzahl der Menschen sind dafür verantwortlich. Natürlich ist es ein kritischer Film, der diese Prozesse vor Augen führt. Aber wenn man fragt, was man tun kann, wird es schwierig. Antworten sind nicht leicht zu finden.

Auch die Arbeiter philosophieren über ihr Tun. Ein spanischer Mineningenieur sagt sinngemäß: Wir müssen der Erde Gewalt antun, wenn wir nicht in Höhlen leben wollen. Teilen Sie diese Ansicht?

Geyrhalter: Ich denke, das ist so. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß und in welcher Geschwindigkeit sich dieser Prozess vollzieht. Wo sind die Grenzen? Unser Lebensstil braucht extrem viele Ressourcen. Ein weiteres Problem ist die Beschleunigung in allen Lebensbereichen. Ich denke, dass die Gesellschaft damit nicht zurecht kommt.

Ein zweites Leitmotiv Ihres Films ist die Traurigkeit über endgültig zerstörte Flächen. Haben Sie beim Dreh eine Melancholie empfunden?

Geyrhalter: Natürlich spiegeln die Bilder eine gewisse Traurigkeit. Aber sie haben auch eine starke Ästhetik, eine Schönheit. Auch das wollte ich dem Publikum zurückspiegeln. Und die Frage nach dem Endgültigen lässt sich aus menschlicher Perspektive nicht beantworten. Wir vergleichen unsere Erde heute mit dem Idealbild der Erde in einem Zustand, bevor der Mensch anfing, sie zu verändern und zu zerstören. Zu diesem Idealbild werden wir tatsächlich nie mehr zurückkehren. Aber das heißt nicht unbedingt, dass die Natur damit nicht fertig wird. Salopp gesprochen, ist es ihr ziemlich egal, ob der Berg ein Loch hat oder ihm eine Ecke fehlt.

In der Öko-Enzyklika »Laudato Si« von Papst Franziskus heißt es, dass Gott in jedem Stein und in jedem Staubkorn zu finden sei. Können Sie mit solchen Sätzen etwas anfangen?

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Geyrhalter: Das klingt ja schon fast buddhistisch. Aber ich glaube tatsächlich, dass alles mit allem zusammenhängt. Wir können uns Menschen nicht singulär denken.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Geyrhalter: Nicht in einem engen religiösen Sinn. Aber ich denke schon, dass es eine Dimension »da oben« gibt, die über den Menschen hinausreicht.

Was ist für Sie das drängendste Problem der Gegenwart?

Geyrhalter: Neben dem Klimawandel der Rechtsruck. Dass Solidarität ein Schimpfwort geworden ist und Länder glauben, dass sie alleine besser zurecht kommen als gemeinsam. Wir spüren, dass es eng wird, und deshalb machen wir die Grenzen zu und tun so, als ob wir allein auf der Welt wären. Doch das wird nicht funktionieren. Wir können uns als Land oder als europäischer Kontinent nicht singulär denken. Es gibt eine Weltbevölkerung, die ihre Probleme zu lösen hat. Aber das Bewusstsein, dass wir teilen müssen, weil es anders nicht gehen wird, scheint verloren zu gehen.

Wodurch erhoffen Sie sich eine Wende zum Besseren?

Geyrhalter: Entscheidend ist das Bewusstsein der einzelnen Menschen. Die Politik wird nie eine Vorreiterrolle übernehmen, wenn sie das Gefühl hat, dass die Bevölkerung nicht dahintersteht. Ebenso ist es mit den Konzernen. Sie sind dazu da, um Geld zu machen. Dazu sind sie per se verpflichtet. Das ist das Grundproblem.

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