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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2019
War Goethe Muslim?
Fasziniert vom Islam: 200 Jahre West-östlicher Divan
Der Inhalt:

In Memoriam: Unbeirrbarer Anwalt der Kinder

von Andrea Teupke vom 08.08.2019
Wer einmal das Glück hatte, Jesper Juul live zu erleben, wird sich vermutlich an drei Dinge erinnern
Am 25. Juli ist Jesper Juul im Alter von 71 Jahren gestorben (Foto. pa/dpa/Scanpix)
Am 25. Juli ist Jesper Juul im Alter von 71 Jahren gestorben (Foto. pa/dpa/Scanpix)

Wer einmal das Glück hatte, Jesper Juul live zu erleben, wird sich vermutlich an drei Dinge erinnern: die tiefe Gelassenheit, die dieser Elternflüsterer ausstrahlte, seinen trockenen Humor – für deutsche Ohren noch verstärkt durch den dänischen Akzent – und vor allem sein unerschütterliches Vertrauen. Der bekannte Autor und Familientherapeut war fest davon überzeugt, dass Kinder keine Mängelwesen sind, die es abzurichten und in ihre Grenzen zu weisen gilt; stattdessen betonte er stets, dass Kinder kompetent, kooperativ und kompromissbereit sind. Doch auch wenn sich Juul strikt gegen Gewalt und gegen Manipulation im Umgang mit Kindern und Jugendlichen wandte, mit einem achselzuckenden Laissez-faire hatte seine Haltung nichts gemein. Sehr klar benannte er die unterschiedlichen Rollen von Kindern und Erwachsenen. Ob es Heranwachsenden gut geht, ob sie sich in Schule und Kindergarten wohlfühlen, ob in der Familie eine herzliche, offene Atmosphäre herrscht – für all dies machte er die Erwachsenen verantwortlich. »Wenn Kinder mit Fürsorge und Respekt für ihre persönlichen Grenzen behandelt werden, dann hören sie tatsächlich auf das, was ihre Eltern sagen, und halten sich in der Regel auch daran. Vielleicht nicht immer und vielleicht auch nicht mit großer Begeisterung, doch im Großen und Ganzen tun sie es.« So schrieb er in seinem Buch »Nein aus Liebe. Klare Eltern – starke Kinder«. Das modische und oft auch missbräuchliche Gerede von den angeblich so notwendigen »Grenzen« hat Juul elegant unterlaufen; er wies darauf hin, dass vor allem Erwachsene Grenzen brauchen – und Kinder authentische, starke Erwachsene, die ihnen vormachen, wie man Grenzen setzt. Gerade heute, wo es wieder en vogue ist, Kinder als unersättliche Monster und potenzielle Tyrannen darzustellen, wo ihr Alltag durchpädagogisiert wird und weder Politik noch Wirtschaft auf ihre Bedürfnisse besonders viel Rücksicht nehmen; wo Kinder häufig als zukünftige Steuerzahler und Arbeitskräfte wahrgenommen werden und selten als Menschen mit eigenen Interessen und Anliegen, ist diese Botschaft unverzichtbar. Am 25. Juli ist Jesper Juul im Alter von 71 Jahren gestorben. Seine Stimme wird fehlen.

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