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Selbstverwirklichung – eine Sackgasse?

von Manfred Lütz 06.06.2017
»Ja, das ist sie!«, sagt der Arzt und Theologe Manfred Lütz: »Der Mensch kann nur glücklich werden, wenn er sich für andere einsetzt.« Thesen aus der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft«
Muss ich mein Ich vor der Außenwelt schützen, mich auf mich und meine Interessen konzentrieren?  Manfred Lütz (rechts), Arzt, Theologe, Kabarettist, sagt: »Nein! zu viel Selbstverwirklichung führt in die Sackgasse!« Seine Thesen lesen Sie in der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft« (Fotos: Getty Images/iStockphoto/Jirsak; pa/Frank May)
Muss ich mein Ich vor der Außenwelt schützen, mich auf mich und meine Interessen konzentrieren? Manfred Lütz (rechts), Arzt, Theologe, Kabarettist, sagt: »Nein! zu viel Selbstverwirklichung führt in die Sackgasse!« Seine Thesen lesen Sie in der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft« (Fotos: Getty Images/iStockphoto/Jirsak; pa/Frank May)

»... Selbstverwirklichung bringt die Menschheit nicht weiter. Pustekuchen mit einer wohlfeilen biblischen Begründung der Selbstliebe! Wer immer nur um sich selbst kreist, wer sich immer nur selbst verwirklichen will, der ist kein wirklicher Jude und kein wirklicher Christ.

Der israelische Künstler Jehuda Bacon, der als gläubiger Jude Auschwitz überlebte, sagte einst zu einer Schülerin, der die Ärzte irrtümlich gesagt hatten sie habe nur noch drei Wochen zu leben: ›Lebe dafür, solange du kannst, in den anderen noch ein Lächeln zustande zu bringen.‹

In dem Buch, das ich vor Kurzem mit ihm gemacht habe, stehen diese seine Sätze: ›Wer »Liebe deinen Nächsten wir dich selbst« nicht zu Ende liest, verpasst das Entscheidende. Der ganze Satz klingt anders: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, denn ich bin Gott.« Das heißt: Nur wenn man an dieses Dreieck glaubt – da ist Gott, der mich schuf und der auch den anderen erschuf –, dann haben wir eine Gemeinsamkeit, dann kann ich den anderen lieben, dann kann ich den anderen verstehen, weil er ein Geschöpf ist wie ich.‹

Jehuda Bacon war mit dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber befreundet, und nach Buber ist der Mensch von Anfang an Beziehungswesen. Die erste Erfahrung des Menschen ist ja tatsächlich nicht das Ich, sondern das Du eines anderen Menschen. Und indem das Kind das Du der Mutter erlebt, bemerkt es erst, dass da ein Ich ist, auf das die Augen der Mutter gerichtet sind.

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Der Mensch ist durch und durch ein soziales Wesen. Das Selbst aus allen sozialen Beziehungen herauszuoperieren, um es dann eifrig zu verwirklichen, ist absurd. Wer tatsächlich immer nur in sich hineinhorcht, um herauszufinden, was ihm guttut, wäre eine antisoziale Persönlichkeit, gefährlich und unbehandelbar, wie mir Otto Kernberg, der weltberühmte Psychoanalytiker, einmal sagte.

... Woraus es tatsächlich ankommt? Wenn man seine Fähigkeiten nicht nur für sich, sondern für andere Menschen einsetzt, erlebt man das als in sich sinnvoll, und das macht glücklich. Deswegen ist unser Dorf im Rheinland wirklich glücklicher, seit wir hier Flüchtlinge aufgenommen und zu versorgen haben.

Und noch ein Beispiel: Mein Freund Pfarrer Franz Meurer betreibt in seiner Gemeinde im Kölner Brennpunkt Höhenberg-Vingst eine beeindruckende Seelsorge und Sozialarbeit. ›Wenn eine muslimische Mutter zur mir kommt, weil ihr Sohn drogensüchtig ist, wird am gleichen Tag eine Beratung organisiert. Und ich fahre sie persönlich zu diesem Termin hin‹, sagt er. Franz Meurer hat keinen Anrufbeantworter. Und keinen Burn-out.«

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Nic
16.06.201719:23
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, setzt eben voraus, dass man sich selbst liebt. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben. Diejenigen, die nur (!) für andere leben erfüllen dieses Gebot ebensowenig wie diejenigen, die sich nur selbst lieben. Insofern ist auch der Aussage von Jehuda Bacon zu widersprechen. Sich selbst zu verwirklichen im Sinne der Verwirklichung des gegebenen Potentials des Ichs erscheint hier notwendig aber nicht hinreichend, um andere zu lieben. Gottes Liebe zum Menschen sollte es dem Einzelnen eher möglich machen, sich selbst zu lieben, auch und gerade weil man unvollkommen ist.
Hanna Leinemann
11.06.201712:07
Selbstverwirklichung - wie soll das gehen? - Im Mutterbauch wurde ich entwickelt bis zur Geburt; dann war ich die, die ich bin, aber doch nicht aus mir selbst heraus, sondern mit allen Kräften in Zeit und Raum. - Bisher habe ich mit dem Begriff "Selbstverwirklichung" nur reine Ichbezogenheit, den Narzißmus, angetroffen, momentan mit Donald Trump in extremer Ausführung. - Geht es nicht eher um Entwicklung und Reifung von Seele und Geist zusammen mit den Gaben, die mir für meinen Lebensweg mit auf den Weg gegeben wurden, und dabei der Rückbindung an die Kräfte, die mich schufen? - Ich bin doch nicht die Schöpferin meiner selbst. -
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