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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2017
Die Tücken des fairen Handels
Im Norden boomt Fair Trade - im Süden wächst die Kritik
Der Inhalt:

Streitfragen zur Zukunft: Ist Selbstverwirklichung eine Sackgasse?

von Manfred Lütz vom 26.05.2017
Ja, das ist sie! Denn der Weg, der nur um sich selber kreist, führt letztlich ins Nichts. Der Mensch kann nur glücklich werden, wenn er sich für andere einsetzt

Ist Selbstverwirklichung eine Sackgasse? Natürlich nicht, müsste man hier eigentlich schreiben. Und dann müsste man die ganze übliche Soße ausgießen nach dem Motto, es heiße ja schon in der Bibel: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, und wenn man sich selbst nicht liebe, könne man auch den anderen nicht lieben, und überhaupt, man müsse immer mal in sich reinhören und schon merke man, was einem guttut, und dagegen könne ja wohl auch der gute Gott nicht sein. Man müsse sich einfach abgrenzen gegen die übermäßigen Wünsche der anderen, sonst bekomme man unweigerlich einen Burn-out oder Schlimmeres, und das ende bei Alkohol und Drogen. Selbstverwirklichung sei die Rettung.

Damit wäre die Frage eigentlich beantwortet. Das war aber für einen Beitrag in der Publik-Forum- Reihe »Streitfragen zur Zukunft« erheblich zu kurz. Und ich stehle den Leuten nicht gerne die Zeit, indem ich schreibe, was alle sowieso schon sagen. Vor allem aber bin ich in allen oben genannten Auffassungen tatsächlich und bedauerlicherweise völlig anderer Meinung.

Da es allerdings schon in der alten Kirche verboten war, sich zum Martyrium zu melden, habe ich mich erst mal mit Händen und Füßen gegen die Anfrage der Redaktion gewehrt. Denn ich gehe nicht gerade davon aus, mit meiner abweichenden Meinung zur Selbstverwirklichung auf die begeisterte Zustimmung der von mir geschätzten langjährigen psychologie-, spiritualitäts-, ökumene-, ökologiebewegten Publik-Forum-Leserschaft zu stoßen. Ganz im Gegenteil …

Aber Feigheit ist eigentlich auch nicht meine Sache. Und da ich es selber langweilig finde, Artikel zu lesen, die bloß meine eigenen Ansichten bestätigen, setze ich auf die Leser, die das genauso sehen, und werde also hier, wie verlangt, ganz unverblümt meine Meinung sagen, nämlich: Selbstverwirklichung bringt die Menschheit nicht weiter.

Und nun zu den üblichen, oben genannten Argumenten. Fangen wir mal mit dem üblichen Missverständnis von »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« an. Der eindrucksvollste Mensch, den ich in meinem Leben erlebt habe, ist Jehuda Bacon. Er hat als gläubiger Jude Auschwitz überlebt. Aber das Buch, das ich vor Kurzem mit ihm gemacht habe, ist kein Buch über Auschwitz, sondern über die unglaublich humanen Konsequenzen, die er aus dem Grauen des Konzentrationslage

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