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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2012
Ende eines Traums?
Die Zukunft der arabischen Revolution
Der Inhalt:

Illegal – leben wie ein Geist

von Susanne Stiefel vom 24.02.2012
Yassin stammt aus Algerien. Seit 15 Jahren wohnt er in Deutschland, illegal, ohne gültige Papiere. Er darf nicht auffallen, in keine Kontrolle geraten. Er muss unsichtbar sein
Ein Leben in ständiger Angst vor Abschiebung: Rund eine Million Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen keine gültigen Aufenthaltspapiere. (Foto: Storz/Graffiti)
Ein Leben in ständiger Angst vor Abschiebung: Rund eine Million Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen keine gültigen Aufenthaltspapiere. (Foto: Storz/Graffiti)

Wer mit Yassin durch Stuttgart geht, sieht die Stadt mit anderen Augen. Die Königstraße, Stuttgarts Einkaufsmeile, ist für ihn eine Fußgängerzone, in der er nur in der Mitte gehen darf. Links oder rechts an den Schaufenstern entlangzuschlendern, das wäre zu gefährlich. Links oder rechts, das ist für die anderen, die Sichtbaren, die Legalen. Denn links oder rechts, im Menschenstrom, kontrollieren auch die Polizisten. Yassin, der in seinem illegalen Leben anders heißt, geht immer in der Mitte. Dort, wo die Bäume stehen und immer mal wieder ein Kiosk den Weg versperrt oder ein Café-Tischchen. In der Mitte, so seine Erfahrung, fällt man nicht auf.

Unauffällig bis zur Unkenntlichkeit

Und auffallen darf man auf keinen Fall, wenn man ein Papierloser ist. »Sehen Sie den Mann dort, der an der Mauer entlangschleicht?«, fragt der 38-jährige Algerier. Wer lernt, mit Yassins Augen zu sehen, merkt sofort: Dieser Mann dort drüben ist viel zu auffällig in seinem Bemühen, unsichtbar zu sein. Zu dicht an den Schaufenstern, zu sichernd der Blick. Yassin hingegen beherrscht die Gesetze der Unauffälligkeit bestens, er lebt schon seit 15 Jahren ohne Papiere in Stuttgart. Er ist nicht zu laut und nicht zu leise. Nicht zu aufmüpfig und nicht zu demütig. Nicht zu groß und nicht zu klein. Er ist unauffällig bis zur Unkenntlichkeit. »Ich bin ein Geist«, sagt der junge Mann und verzieht den Mund. Es ist wohl ein Lächeln.

Eigentlich hat man sich Geister immer anders vorgestellt. Der Mann, der sich nach einem vergewissernden Handyanruf an den Tisch im Café Scholz setzt, ist auf den ersten Blick ein fröhlicher junger Mann, der auch aus Waiblingen kommen könnte. Das Gesicht glatt rasiert, der Kopf mit modisch kurzen Stoppeln, die Zähne blendend weiß wie das T-Shirt. Der

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