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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2015
»Macht Wirbel!«
Wie der Papst die Kirche aufmischt
Der Inhalt:

»Für mich ist das auch Buße«

von Eva Baumann-Lerch vom 11.11.2015
Mehmet Daimagüler ist Anwalt und vertritt zwei Opferfamilien im NSU-Prozess. Als Sohn türkischer Gastarbeiter kämpfte er gegen Vorurteile und machte Karriere. Dennoch hält er sich für einen Gescheiterten
Mehmet Daimagüler ist ein erfolgreicher Anwalt, und doch fehlt ihm etwas: das Gefühl angekommen zu sein, eine Heimat zu haben. Der Sohn türkischer Gastarbeiter wusste als Kind nie, ob die Familie in Deutschland bleiben konnte, sie saß viele Jahre lang auf gepackten Koffern (Foto: pa/dpa/Rainer Jensen)
Mehmet Daimagüler ist ein erfolgreicher Anwalt, und doch fehlt ihm etwas: das Gefühl angekommen zu sein, eine Heimat zu haben. Der Sohn türkischer Gastarbeiter wusste als Kind nie, ob die Familie in Deutschland bleiben konnte, sie saß viele Jahre lang auf gepackten Koffern (Foto: pa/dpa/Rainer Jensen)

Publik-Forum: Herr Daimagüler, Sie haben Jura studiert und einen Harvard-Abschluss gemacht, waren im FDP-Bundesvorstand und sind heute ein angesehener Anwalt. Wie haben Sie geschafft, was vielen anderen Ausländerkindern nicht gelingt?

Mehmet Gürcan Daimagüler: Na, was heißt schon geschafft? Und wieso der Vergleich mit anderen Ausländerkindern? Deutsche Kinder werden ja auch nicht alle Akademiker.

Sie sind als Sohn von türkischen Gastarbeitern in Siegen geboren. Ihre Eltern sprachen kaum deutsch.

Daimagüler: Aber trotzdem war ihnen Bildung wichtig. Meine Eltern haben meinen Weg unterstützt, auch wenn sie mir selbst nicht helfen konnten. Und dann war da auch »Oma Philippine«, eine deutsche Nachbarin, die hat mir und meinen Geschwistern bei den Hausaufgaben geholfen, uns in öffentliche Bibliotheken begleitet und meinen Grundschullehrer zur Rede gestellt, als der mich in eine Sonderschule abschieben wollte.

Wollten Sie damals schon Jurist werden?

Daimagüler: Als Jugendlicher wusste ich nicht, was ich wollte. Es gab ja keine Vorbilder – keinen türkischen Lehrer, Arzt oder Anwalt. Aber ich wusste, was ich nicht wollte: Mein Vater hat in der Fabrik gearbeitet, sich dort totgeschuftet und ist früh gestorben. Meine Mutter hat für andere geputzt. Damals träumte ich davon, an einem Schreibtisch zu sitzen und einen Anzug zu tragen.

Das haben Sie geschafft. In Ihrem autobiografischen Buch »Kein schönes Land in dieser Zeit« bezeichnen Sie sich dennoch als einen »Gescheiterten«. Warum?

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