Erzähl mir dein Leben
Enver erzählt. Zuerst flott und flüssig, dann stockend, schließlich mit erstickter Stimme. Hier, Enver, ein Taschentuch. Ein Dutzend Frauen und Männer im Stuhlkreis, ganz still. Ein vorsichtiger Blick in die Runde verrät: Auch die anderen kämpfen mit den Tränen. Manche kämpfen nicht, sie weinen leise mit Enver, diesem kräftigen Mann mit der sonst so festen Stimme. Ein Spaßvogel, selbstbewusst, einer, der seinen Weg geht: So hatte ich den 35-jährigen Werbetexter aus Hamburg am Vorabend eingeschätzt. Wie man eben die Menschen so kategorisiert, wenn man einen Abend redend und scherzend am Kamin verbringt, zusammen isst und trinkt, bis es spät ist.
Jetzt sehe ich Enver mit anderen Augen. Er hat erzählt, wie seine Familie sich im Deutschland der 1980er-Jahre durchschlug. Vom Vater, der zuerst alleine aus der Türkei kam und sich hier eine Freundin suchte gegen die Einsamkeit. Wie das andauernde Verhältnis die Familie belastete, als die Mutter mit den Kindern nachgekommen war. Zu siebt lebten sie in einer Zweizimmerwohnung, wo die Kinder im Wohnzimmer auf dem Fußboden ihre Hausaufgaben erledigten und abends die Matten zum Schlafen ausrollten. Enver hat vom Liebesentzug durch den Vater berichtet, davon, dass der Vater es als mangelnden Respekt auffasste, wenn der Sohn mit übereinandergeschlagenen Beinen dasaß. Wie bitte? Ja, so war das, das machte man nicht.
Als Enver endet, fragt Sümer, der 47-jährige Ingenieur vom Bodensee, vorsichtig: »Darf ich als türkischer Mann dich in den Arm nehmen?« Sie umfassen sich unbeholfen, klopfen einander auf die Schultern, wie Männer das tun, wenn sie ihre Rührung verbergen wollen. Dann halten sie inne, klammern sich aneinander, bleiben lange so stehen, weinen zusammen.
Der magische Moment
Ich staune. Über diese beiden gestandenen türkisch-deutschen Männer; über Enver und wie aus ihm trotz alledem dieser zugewandte, sympathische Typ werden konnte; und darüber, wie ahnungslos ich bin. Bevor ich zu diesem Treffen auf das sächsische Gut Gödelitz kam, hatte ich geglaubt, etwas zu verstehen von der Thematik, um die es in dem deutsch-türkischen Biografieprojekt geht. Schließlich beschäftige ich mich als Journalistin seit Jahren mit Integrationsfragen. Privat komme ich dagegen kaum mit Menschen aus der Türkei in Kontakt.
Das ist symptomatisch: Drei Millionen Menschen, deren Familien einst aus der Türkei nach Deutschland kamen, leben hier mit uns, zum Teil seit einem halben Jahrhundert. Viele haben noch nie die Wohnung ihrer deutschen Nachbarn betreten – und umgekehrt. Von echtem Miteinander keine Rede.
Diese ernüchternde Diagnose stand am Anfang der deutsch-türkischstämmigen Biografiegespräche, die Axel Schmidt-Gödelitz im Jahr 2009 ins Leben rief. Das Konzept ist denkbar einfach: Je fünf Deutsche und Deutsch-Türken verbringen ein Wochenende gemeinsam, um einander ihr Leben zu erzählen. Jeder hat eine halbe Stunde Zeit. Anschließend können die anderen nachfragen, aber es wird nicht bewertet, nicht diskutiert. Am Ende schließen alle für einige Minuten die Augen und lassen das Gehörte Revue passieren. Spätestens in diesem magischen Moment habe ich Enver mit seiner Geschichte in mein Herz geschlossen. So wie nach und nach all die anderen in unserer Runde.
Ein Wochenende lang nur zuhören – das scheint zunächst recht eintönig. Tatsächlich ist es aber richtig aufregend. Nicht nur die türkischen Biografien stecken voller Überraschungen, auch die deutschen. Niemand hätte zum Beispiel geahnt, mit welcher dramatischen Geschichte die freundliche Gemeinderätin Gerlinde aus dem Oberschwäbischen aufwarten würde: Nach vierzig Jahren der Sehnsucht hat sie unlängst ihre Jugendliebe aus Nigeria wiedergefunden und endlich geheiratet. Heiraten sind ein zentrales Lebensthema vor allem in der türkischen Community. »Bei uns gilt: verheiratet gleich glücklich, unverheiratet gleich unglücklich«, erklärt die 35-jährige Yasmine aus Stuttgart. Nicht so bei ihr: Die lebhafte, hübsche Frau mit den langen offenen Haaren ist berufstätig, in ihrer muslimischen Gemeinde engagiert und – ledig. »Mir ist es ein Anliegen, zu zeigen, dass Glück nicht nur davon abhängt, ob man verheiratet ist«, sagt sie.
Dann plötzlich ergeben sich ganz unerwartete Parallelen. Als Ali berichtet, wie er als junger Mann seiner Mutter ins fremde Deutschland folgte, fühlt sich Hildegard an ihre eigene Jugend erinnert: wie sie ihrer engen Heimatstadt entfloh und sich in der Metropole zunächst ziemlich unbeholfen fühlte. Als Ali dann noch den Klempnereibetrieb seines Vaters erwähnt, muss Hildegard schmunzeln; ihr Großvater war auch Klempner. Mit jeder Geschichte wächst die Neugier, wächst das Verständnis: Nicht nur Enver erzählt von einem strengen Vater, der keine Emotionen zuließ. Auch Deutsche, die in der Nachkriegszeit aufwuchsen, litten oft unter unnahbaren Eltern.
Aufregend ist es auch, wenn man selbst an die Reihe kommt. Eine halbe Stunde ist ganz schön lang. Als ich alles erzählt habe, was ich für erwähnenswert halte, sind gerade mal fünfzehn Minuten vergangen. Jetzt heißt es Improvisieren, und da bahnen sich Erinnerungen ihren Weg ins Bewusstsein, die lange verschüttet waren. Wie die an meinen türkischen Schulfreund. Orhan war richtig gut in der Grundschule. Aber er kam nicht mit ins Gymnasium, weil die Lehrerin ihm das nicht zutraute. Was wohl aus ihm geworden ist?
Eine neue Verbundenheit
Enver hat vor allem über seinen Vater gesprochen. Beim Erzählen wird mir dann klar, wie sehr auch ich durch meinen Vater geprägt bin: durch seine internationale Biografie und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen, die er uns Kinder gelehrt hat. Als Deutscher in den USA aufgewachsen, machte er später sein Abitur in der Türkei. Zeitlebens ist er gereist, was das Zeug hält, auch mit uns. Als ich 13 war, fuhren wir mit ihm zu seinem Klassentreffen nach Istanbul: eine Woche Feiern mit türkischen Familien, eine Erfahrung fürs Leben. Vor zwei Jahren bin ich mit meinem Mann, unseren Kindern und meinem Vater noch einmal in Istanbul gewesen, damit er den Enkeln die Stadt seiner Jugend zeigen konnte.
Noch spät am Abend in meinem stillen Zimmer denke ich über meine Familie nach. Und über Enver und Sümer, Gerlinde und Yasmine. Am nächsten Tag verlasse ich Gut Gödelitz mit der Erkenntnis des Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Solange man die Lebensgeschichten der anderen nicht kennt, hat man nichts als Klischees im Kopf.
Einige Monate später spreche ich noch einmal mit Enver. Und wieder eine Überraschung: Vieles von dem, was er auf Gut Gödelitz von sich preisgegeben hat, sagt Enver, habe er dort zum ersten Mal überhaupt in Worte gefasst. Das habe enorm nachgewirkt: »Seither spreche ich auch in meinem privaten Umfeld viel offener über mich, auch über Misserfolge oder falsche Entscheidungen.« Dabei sei ihm aufgefallen: »Je mehr ich anderen von mir erzähle, desto mehr erfahre ich auch von ihnen. Ich erlebe eine neue Verbundenheit.«
Mehr zum Gut Gödelitz und dem Ost-West-Forum finden Sie auf der Gödelitz-Website.
