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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2016
Wähle das Leben
Wie suizidgefährdete Menschen wieder Mut fassen
Der Inhalt:

»Die Leute glauben an das Wunderbare«

von Brigitte Neumann vom 14.08.2016
Ein Interview mit John Irving ist gar nicht so einfach – besonders, wenn er außer über seinen aktuellen Roman »Straße der Wunder« auch über sich selber sprechen soll. Aber es lohnt sich
John Irvings Haltung zur Religion kann man pragmatisch nennen: »Ich vertue meine Zeit nicht damit, über etwas nachzudenken, was ich nicht beweisen kann.« (Foto: pa/dpa/Toni Albir)
John Irvings Haltung zur Religion kann man pragmatisch nennen: »Ich vertue meine Zeit nicht damit, über etwas nachzudenken, was ich nicht beweisen kann.« (Foto: pa/dpa/Toni Albir)

Historische Hamburg-Ansichten an den Wänden, Lampen auf Ständern aus Murano-Glas, Schiffchen mit saftig glänzenden Erdbeeren auf dem Tisch, der Butler reicht auf Wunsch einen Espresso. Auftritt John Irving: schwarze Lederjacke, abweisender Blick in den Raum. Interviewtag im teuersten Hotel der Stadt. Ich bin als Erste dran. Der Autor hat gerade gefrühstückt.

John Irving: Ich werde heute keine kurzen Antworten geben. Machen Sie sich bitte darauf gefasst.

Publik-Forum: Nun, wir haben 45 Minuten. Da sollten wir beide zu unserem Recht kommen. Warum möchten Sie nur lange Antworten geben?

Irving: »Straße der Wunder« war über zwanzig Jahre lang als Drehbuch in meinem Kopf und teilweise ausgearbeitet auf Papier. Aber Filme sind nicht das geeignete Medium, um ein ganzes Leben abzubilden. Bücher schon. Und das wollte ich: Das Leben des mexikanischen Müllkippenkindes Juan Diego und seiner Schwester Lupe zeigen. Von Anfang bis Ende, in einem Hin und Her zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Also arbeitete ich noch einmal fünf Jahre an dem Buch. Mir war wichtig, deutlich zu machen, wie die Prägung, die ein Mensch erfährt, wenn er noch im zarten und formbaren Alter ist, einem ganzen Leben die Richtung gibt. Der Anfang bestimmt alles, so sehr, dass eine verkorkste Kindheit sogar die Fähigkeit eines Erwachsenen beschneiden kann, das Leben voll und ganz auszuschöpfen – so wie bei Juan Diego.

Die Lederjacke knirscht, John Irving zeigt seine eingezogene Oberlippe, sieht aus, als hätte er die Zähne gebleckt. Er war Ringer, fällt mir ein. Er ist vaterlos aufgewachsen. Schnell damit reingrätschen:

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