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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2020
Der Gott von gestern
Warum die Kirchen in der Krise sprachlos sind
Der Inhalt:

Die Gefahr einer einzigen Geschichte

von Chimamanda Ngozi Adichie vom 18.07.2020
Koloniale Klischees sind tief in unserem Denken verwurzelt. Die nigerianische Autorin Chimamanda Adichie erzählt, wie Stereotype unser Weltbild formen, auch in Bezug auf Afrika. Ein Zwischenruf
»Das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind«, sagt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie (Foto: pa/Garrido)
»Das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind«, sagt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie (Foto: pa/Garrido)

Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Und ich möchte Ihnen erzählen von dem, was ich »Die Gefahr der einzigen Geschichte« nenne. Ich stamme aus einer konventionellen, nigerianischen Familie der Mittelklasse. Bei uns lebten, wie es die Norm war, Bedienstete, die aus den umliegenden Dörfern kamen. In dem Jahr, in dem ich acht wurde, bekamen wir einen neuen Hausdiener. Sein Name war Fide. Das Einzige, was meine Mutter uns über ihn erzählte, war, dass seine Familie sehr arm war. Meine Mutter schickte Süßkartoffeln und Reis und unsere alten Kleider zu seiner Familie. Und wenn ich mein Abendessen nicht aufaß, sagte sie: »Iss dein Essen auf! Ist dir nicht klar, dass Menschen wie die Familie von Fide nichts haben?« Deshalb hatte ich großes Mitleid mit Fides Familie.

Dann, an einem Samstag, besuchten wir sein Dorf. Seine Mutter zeigte uns einen wunderschön geflochtenen Korb aus gefärbtem Bast, den sein Bruder gemacht hatte. Ich war überrascht. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass jemand aus seiner Familie etwas herstellen könnte. Alles, was ich über sie gehört hatte, war, wie arm sie waren, sodass es für mich unmöglich geworden war, sie als etwas anderes zu sehen als arm. Ihre Armut war die einzige Geschichte von ihnen, die ich kannte.

Jahre später, als ich Nigeria verließ, um in den USA zu studieren, dachte ich wieder daran. Ich war 19. Meine amerikanische Mitbewohnerin war mit mir überfordert. Sie fragte mich, wo ich so gut Englisch gelernt hatte, und war verwirrt, als ich ihr sagte, dass Englisch in Nigeria die Amtssprache ist. Sie fragte, ob sie das, was sie meine »Stammesmusik« nannte, hören dürfe und war sehr enttäuscht, als ich meine Kassette von Mariah Carey hervorholte. Was mich wirklich betroffe

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