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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2014
Das Genmais-Komplott
Wie Konzerne eine Technologie durchsetzen, die keiner will
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Der vergessene Weg zu Gott

von Anselm Grün vom 29.03.2014
Die Theologie betont die aktive Seite der Spiritualität – doch auch in der Betrachtung des Schönen begegnet uns eine mystische Dimension. Überlegungen von Anselm Grün
Frau mit Blume: Im Schauen der Schönheit kommen Menschen in Kontakt mit der grenzenlosen Liebe auf dem Grund ihrer Seele (Foto: Marie Bertrand/Corbis)
Frau mit Blume: Im Schauen der Schönheit kommen Menschen in Kontakt mit der grenzenlosen Liebe auf dem Grund ihrer Seele (Foto: Marie Bertrand/Corbis)

In meinen Kursen mache ich manchmal eine Übung: Zwei Menschen stellen sich einander gegenüber. Der eine macht die Augen zu. Der andere schaut ihn an mit den Augen des Glaubens, die nicht bewerten, nicht vereinnahmen, nicht beurteilen – sondern im anderen das Schöne sehen. Die beiden, die sich da wechselseitig unter dem Aspekt der Schönheit anschauen, kommen sich dadurch innerlich nahe. Sie fühlen eine tiefe, existenzielle Verbindung. Wenn wir auf das Schöne im anderen schauen, werden wir zu Brüdern und Schwestern.

Wenn ich das Schöne in anderen Menschen, in der Natur, der Kunst oder Musik betrachte, so entspricht das der kontemplativen mystischen Spiritualität. Ich schaue das an, was ist. Ich empfange das Schöne, das mir vorgegeben ist. Und in diesem Schönen erahne ich die Urschönheit Gottes, von der die Mystiker schreiben: Die Schönheit ist ein wichtiger Weg zu Gott.

Die Theologie ist stark von Moral und Psychologie geprägt

Dennoch ist das Thema in der christlichen Tradition bisher vernachlässigt worden – und auch ich habe es bisher kaum beachtet. Außer Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger auf katholischer Seite und Rudolf Bohren, Matthias Zeidler und Paul Tillich auf evangelischer Seite interessieren sich nur wenige Theologen für das Thema. Mir ist schmerzlich bewusst geworden, dass unsere christliche Spiritualität in den letzten zweihundert Jahren doch sehr stark von der Moral und dann später von der Psychologie geprägt war.

Uns – auch mir persönlich – ging es vor allem darum, dass der Christ in der Askese mit sich selbst ringt, dass er seine Fehler und Schwächen überwindet und zu einem reifen und selbstbeherrschten Menschen wird, der

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