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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2016
Martin Luther: Der zweifelhafte Freiheitsheld
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Das Glück und die Grenze

von Michael Schrom vom 26.02.2016
Die Berlinale bewies: Politisches Kino kann poetisch sein. Die Suche nach dem guten Leben muss Grenzen überschreiten wie bewahren
Ein »Recht auf Glück«, so das Motto der Berlinale, gibt es sicher nicht. Aber auszuloten und auszuprobieren, worin das Glück bestehen könnte – dieses Recht hat jeder Mensch. Das Filmfestival zeigte viele verschiedene Versuche, das gute Leben zu finden
Ein »Recht auf Glück«, so das Motto der Berlinale, gibt es sicher nicht. Aber auszuloten und auszuprobieren, worin das Glück bestehen könnte – dieses Recht hat jeder Mensch. Das Filmfestival zeigte viele verschiedene Versuche, das gute Leben zu finden

Im Kino gewesen. Geweint.« Dieser Satz, den Franz Kafka 1913 in sein Tagebuch schrieb, trifft eine Gemeinschaftserfahrung von Journalisten auf der diesjährigen Berlinale: Wer den Film »24 Wochen« von Anne-Zohra Berrached nicht vorzeitig verlassen hatte, weil er sich dem Thema »Abtreibung« nicht aussetzen wollte, gestand hinterher auf der Pressekonferenz seine Tränen ein, berichtete von eigenen Erfahrungen oder ähnlichen Erlebnissen aus dem Bekanntenkreis. Mit ihrem Ausnahmefilm hatte die Regisseurin eine Ausnahmesituation geschaffen: eine Pressekonferenz als Resonanzraum von Ratlosigkeit und Betroffenheit.

Filme, die ethisch sensible Themen wie etwa Abtreibung oder Sterbehilfe aufgreifen, haben eine große Fallhöhe und sind stets ein Wagnis. Immer besteht die Gefahr, dass die Tragik des Einzelfalls umgemünzt wird in ein politisches Plädoyer. Der 2005 vielgelobte Spielfilm »Das Meer in mir« von Alejandro Amenabar war beispielsweise ein flammendes Plädoyer für aktive Sterbehilfe und unterlegte dies mit einseitig suggestiven Bildern und entsprechender Musik. Selbst das erschütternde Drama »Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage«, mit dem der rumänische Regisseur Cristian Mungiu 2007 die »Goldene Palme« in Cannes gewann, lässt sich vereinfachend auf eine Kritik an dem strikten Abtreibungsverbot des Ceausescu-Regimes reduzieren.

Die 1982 in Erfurt geborene Regisseurin Anne-Zohra Berrached widersteht in »24 Wochen« dieser Versuchung. Ihre Protagonisten, die Comedy-Queen Astrid (gespielt von Julia Jentsch) und ihr Freund und Manager Markus (Bjarne Mädel) wissen nicht von vorneherein, was richtig und was falsch ist. Sie wissen es selbst am Ende nicht. Die Diagnose, dass ihr zweite

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