Soundtrack des Lebens
Ebenso wichtig wie bewegte Bilder ist der Soundtrack eines Filmes. Noch heute läuft mir ein Schauer den Rücken hinunter, wenn ich die Filmmusik höre, die Zbigniew Preisner 1993 für den Kieslowski Film »Drei Farben Blau« komponiert hat. In dem Film verliert eine junge Frau (Juliette Binoche) bei einem Autounfall ihre Familie und muss ganz von vorne anfangen. Als Erinnerung bleibt ihr nur die Musik ihres Mannes, der ein bekannter Komponist war. Sein letztes unvollendetes Werk ist das musikalische Leitmotiv, das in den entscheidenden Momenten des Films immer wieder angestimmt wird.
Seit fünfzehn Jahren genieße ich das Privileg, über die Berlinale berichten zu können. Ich wohne immer im selben Hotel, in der Nähe vom Bahnhof Friedrichstraße. Wenn ich morgens auf dem Weg zur S-Bahn die Spree überquerte, traf ich immer auf eine Akkordeonspielerin. Sie saß auf einem kleinen Hocker und spielt in der Februarkälte Chansons von Edith Piaf. Das Repertoire war sehr beschränkt und umfasste nur zwei oder drei Stücke. Doch ihre Musik war mein morgendlicher Soundtrack, meine persönliche Filmmusik, oft verbunden mit einem langen Blick auf die Spree oder in den Berliner Himmel, denn der kurze Weg vom Hotel zum Bahnhof ist in der Regel mein einziger Gang im Tageslicht, bevor ich hinabsteige in die U-Bahn und in die Kathedralen der Verzauberung, aus denen ich erst spätnachts wieder auftauche.
Doch in diesem Jahr ist sie nicht mehr da. Ich habe immer eine Münze auf ihren Teller gelegt, aber ihr nie gesagt, wie besonders ihre Musik für mich ist. Heute bedauere ich das. Unvermittelte Begegnungen, das weiß man aus Filmen, sind oft der Auftakt für spannende Geschichten. Der bemerkenswerte deutschen Film »Meteor-Straße« über zwei palästinensische Brüder, die in Deutschland geduldet werden, aber nie ankommen können (Regie: Aline Fischer), hätte vielleicht einen anderen Ausgang genommen, wenn das zufällige Gespräch an der Bushaltestelle zwischen der Studentin und dem enttäuschten jungen Mann etwas länger gedauert hätte…
Eigentlich sollte ich heute nicht ins Kino gehen, sondern die anderen Bettler auf der Brücke fragen, ob Sie wissen, warum die Akkordeonspielerin nicht mehr da ist. Ich sollte sie suchen und ihr sagen, wie sehr die Berlinale für mich mit ihrer Akkordeon-Musik verbunden ist. Und dass ich mich jedes Jahr gefreut habe, wenn ich sie spielen hörte. Doch mein Zeitplan erlaubt es nicht; am Abend fährt mein Zug. Aber vielleicht greift ein Filmemacher diesen Stoff auf und entwickelt daraus eine Geschichte, untermalt von Akkordeon-Musik. Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Auch das lernt man im Kino.
