Zur mobilen Webseite zurückkehren

»Da platzt mir der Schädel«

Caroline Peters spielt die schräg-robuste Kommissarin aus der Eifel – eine »Extremform« von sich selbst. Die Schauspielerin lebt gern ohne Internet und Handy und mag es, an bestimmten Orten den »Geist der Vergangenheit« zu spüren. Ein Leib- und Seele-Gespräch über Glauben und die Macht der Zufälle
von Gaby Herzog vom 15.11.2014
Artikel vorlesen lassen
Caroline Peters spielt die Kommissarin Sophie Haas in »Mord mit Aussicht«: Sophie ist wie eine Extremform von mir, sagt die Schauspielerin (Foto: ARD/Jens van Zoest)
Caroline Peters spielt die Kommissarin Sophie Haas in »Mord mit Aussicht«: Sophie ist wie eine Extremform von mir, sagt die Schauspielerin (Foto: ARD/Jens van Zoest)

Publik-Forum: Frau Peters, wir sehen Sie jetzt immer dienstags im Eifelkrimi »Mord mit Aussicht«. Ihr Ermittlungsstil und die Fälle sind eher rustikal. Warum sind Sie als Kommissarin trotzdem so beliebt?

Anzeige
loading

Caroline Peters: »Mord mit Aussicht« ist wie ein Volksschwank angelegt. Kommissarin Sophie Haas erinnert mich an Pippi Langstrumpf, ihre Kollegen Schäffer und Bärbel sind wie Tom und Annika. Sätze wie »Die Spurensicherung hat den DNA-Abgleich gemacht« gibt es bei uns nicht. Stattdessen finden wir Fußabdrücke oder einen Stofffetzen am Stacheldrahtzaun, weil der Täter mit seiner karierten Jacke daran hängen geblieben ist. Alles ist klar und einfach. Wir treten beim Erzählen bewusst auf die Bremse, was zu komischen Momenten führt – und für die Zuschauer beruhigend und ermutigend wirkt.

Fehlt nur noch, dass Sophie Haas eine Lupe aus der Handtasche zieht.

Peters: Sie zieht sie aus der Schreibtischschublade. Oft und gerne. Das hat was von Räuber Hotzenplotz …

Wie viel von dieser schräg-robusten Sophie Haas steckt in Caroline Peters?

Peters: Sophie ist wie eine Extremform von mir: Man hat selber zehn Charaktereigenschaften, die Figur hat eben nur zwei.

Haas muss in der Eifel unter recht primitiven Bedingungen arbeiten. Können Sie sich selbst ein einfaches Leben vorstellen?

Peters: Ich bin ohnehin nicht so durchtechnisiert und habe mir einen gewissen Hang zum Analogen erhalten. Ich bringe meine Überweisungsträger noch zur Bank und zahle fast alles in bar. Ich bin auch nicht mehr bei Facebook, da steht viel zu viel, was ich gar nicht wissen will.

Dann gehören Sie auch zu den Menschen, die ihr Handy einfach ausstellen?

Peters: Herrlich! Ich mache manchmal heimlich den Empfang aus und behaupte später, dass ich keinen hatte. Das nimmt mir während der Drehzeit natürlich jeder ab, weil alle denken, dass ich in der Eifel feststecke. Früher war das vielleicht aufregend, dass man per Smartphone an so vielen Orten gleichzeitig sein konnte. Aber so langsam merke ich, dass ich damit schnell überfordert bin und die spannenden Dinge in der direkten Umgebung übersehe.

Was zum Beispiel?

Peters: Dass neben allen virtuellen Realitäten auch noch die Geister der Vergangenheit um uns herum existieren.

Sie glauben an Geister?

Peters: Nicht an Tellerrücken oder einen kalten Luftzug, der plötzlich durchs Zimmer weht. Aber ich glaube daran, dass bestimmte Orte einen bestimmten Geist haben. Man muss sich nur darauf einlassen, dann spürt man ihn. In Theatern gibt es das ganz extrem. Schon, wenn man die Architektur betrachtet, weiß man, wo der König gesessen hat und wo die Mätressen entlanggeführt wurden. An solchen Orten ist die Zeit spürbar, und die Taten von einst wirken noch nach. Mir ist das angenehm, an solchen Orten zu sein.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben? Gibt es den lieben Gott?

Peters: Also lieb ist der schon mal gar nicht. Er ist eher streng. Richtend und unnahbar. Ich kann mich an den Typen erinnern, den ich mir als Kind vorgestellt habe – aber er existiert heute in meinem Leben nicht mehr. Er war sehr protestantisch. Ein Gott, der rügt, der einen antreibt: Sei nicht so faul, iss nicht so viel Süßigkeiten, gib nicht dein ganzes Taschengeld auf einmal aus.

Sie sind in Köln aufgewachsen. Katholische Kölner haben meist ein anderes Gottesbild.

Peters: Ja, was mich daran immer beeindruckt hat, war, dass deren Gott so gut verzeihen kann! Man kann zur Beichte gehen, drei Ave Maria beten und dann ist alles wieder gut. Ein super Konzept. Schwamm drüber und weiter. Bei den Protestanten muss man ewig mit seiner Schuld und seiner Verantwortung leben.

Was gibt Ihnen Halt? Wie ordnen Sie sich ein in den Zusammenhang der Welt?

Peters: Ich ordne mich immer irgendwo ein. Alleine schon, dass ich zehn Jahre am gleichen Theater spiele. Das gibt Sicherheit. Aber ich suche keinen festen Platz im Weltzusammenhang. Eher glaube ich an den Zufall, der sich positiv in unser Leben einmischt: Wenn ich nicht zufällig bei einem Filmfest den Herrn XY kennengelernt hätte, der mir eine Rolle anbot, dann wäre ich nicht zu Dreharbeiten in Köln, sondern in Berlin gewesen und hätte nie meinen Freund kennengelernt, mit dem ich jetzt zehn Jahre zusammen bin …

Hätten wir uns eben kein Stück Kuchen bestellt, dann …

Peters: … ja, dann wären wir jetzt total unterzuckert. Ich wäre ganz nervös geworden, wäre in Ohnmacht gefallen, ein Kellner hätte mir Wasser gebracht, mich auf eine Party eingeladen und, und, und … Ich glaube an den Zufall. Schon allein, weil mich das entlastet. Wenn man immer denkt, dass man selber seines Glückes Schmied ist, kommt man in Teufels Küche.

Wer ist für den Zufall verantwortlich?

Peters: Die Frage darf man sich nicht stellen, sonst wird man verrückt. Man ist nicht mehr bereit, naiv wie ein Kind zu glauben. Man will alles verstehen, und das sprengt den Kopf. Wenn mir ein Physiker erklären will, dass es eine vierte Dimension gibt, werde ich sofort wahnsinnig. Da platzt mir der Schädel. Ich kann mir auch das Universum nicht vorstellen. Oder die Super-String-Theorie.

Trotzdem sind Sie noch Kirchenmitglied.

Peters: Vielleicht aus einer Art von schlechtem Gewissen. Oder weil ich das Gefühl habe, dass es für den Menschen wichtig ist, überhaupt an etwas Gutes glauben zu können. Weil man sonst immer nur misstrauisch und zynisch durchs Leben gehen würde. Wer glaubt, lässt sich fallen und vertraut. Vertrauen ist eine Investition in die Zukunft, die man unbedingt braucht, um glücklich zu sein. Und ich glaube, dass man das lernt, indem man an Gott glaubt, dessen Existenz sich durch nichts beweisen lässt. Das ist eine große Fantasieleistung und für jede geistige Entwicklung wichtig.

Wie war das bei Ihnen?

Peters: Meine Eltern haben mich als Kind mit in Kirchen genommen. Das fand ich oft schrecklich langweilig. Aber wenn man in den riesigen Kathedralen steht und den Kopf in den Nacken legt, dann macht das schon was mit einem. Genau wie diese biblischen Geschichten, etwa das Baby in der Krippe, die Hirten, Engel, die Weisen aus dem Morgenland. Alles total magisch und unwahrscheinlich. Aber diese Geschichte begegnet einem überall – und schon dadurch wird sie wahr und ein Fakt. Das Krippenspiel war für mich als Kind übrigens eine große Sache.

Haben Sie da Ihr Talent entdeckt?

Peters: In meiner Schule in Köln durfte ich anfangs nicht mal beim Krippenspiel mitmachen, weil ich nicht katholisch war. Dann habe ich lange rumgebettelt und bin jeden Mittwoch zur Schulmesse gegangen. Irgendwann wurde mir erlaubt, Hirte zu sein. Aber ohne Text. Eigentlich eine doofe Rolle – aber immerhin. Ich war ein stummer und glücklicher Hirte.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Caroline Peters, geboren 1971, ist derzeit dienstags um 20:15 Uhr im Ersten Programm als Kommissarin Sophie Haas im Eifelkrimi »Mord mit Aussicht« zu sehen. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Saarbrücken, spielte an Schauspielhäusern in Berlin, Hamburg und Zürich. Seit 2004 gehört sie zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. Caroline Peters wurde unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet, sie lebt in Wien.
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0