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Heilende Tinte

Inmitten medialer Reizüberflutung greifen Menschen wieder zu Stift und Papier – und entdecken die therapeutische Kraft des Schreibens. Die Titelgeschichte im neuen Publik-Forum
von Gunhild Seyfert vom 05.11.2014
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Eigene Gedanken, Gefühle und Assoziationen zu notieren hilft, Fragen für sich zu klären.Tagebücher sind wieder modern. Sie geben der Seele eine Sprache. (Foto: thinkstock/gettyimages/Halfdark)
Eigene Gedanken, Gefühle und Assoziationen zu notieren hilft, Fragen für sich zu klären.Tagebücher sind wieder modern. Sie geben der Seele eine Sprache. (Foto: thinkstock/gettyimages/Halfdark)

Draußen ist es noch dunkel, aber sie sitzt schon aufrecht im Bett und schreibt. In großen Schwüngen fährt ihr Stift übers Papier. Alle Gedanken, Gefühle und Assoziationen, die ihr nach dem Aufwachen in den Sinn kommen, schreibt Karola Schliehe in ein Buch. Schnell, ohne Denkpausen, egal ob die Worte Sinn ergeben oder nicht. Fließend schreibt sie genau drei Seiten. Dann klappt sie ihr Buch zu, steht zufrieden auf und macht sich erst mal einen Kaffee.

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Karola Schliehe schreibt »Morgenseiten«. Das ist eine der vielfältigen Formen des therapeutischen Schreibens, die heute neu entdeckt werden. Denn Schreiben, so stellt nicht nur Karola Schliehe fest, ist heilsam. Gerade in einer Welt der medialen Reizüberflutung wird die stille handschriftliche Kommunikation mit sich selbst zum Moment des Innehaltens, zum Weg der Klärung und Vertiefung. Vor allem das Führen eines Tagebuchs dient Menschen in unterschiedlichen Formen als Weg, sich selbst zu erforschen und der eigenen Seele eine Sprache zu geben. In Umbruchs- und Krisenzeiten kann man so mit bislang unbewussten Wünschen und neuen Ideen in Kontakt kommen.

Dabei hat das Tagebuch mit einigen Vorurteilen zu kämpfen. Lange Zeit dachte man bei Tagebüchern nur an kleine Büchlein, vielleicht mit goldenem Zierschloss versehen, in die verspannte junge Damen aus dem letzten Jahrhundert ihre schwärmerischen Betrachtungen eintrugen – nichts für ernst zu nehmende Leute mit gesundem Menschenverstand. Aber das hat sich geändert.

Schreiben hilft, innere Blockaden zu lösen

»Schreiben ist eine persönliche Ressource. Man kann diese Ressource stärken, wenn man das Schreiben vertieft kennenlernt«, sagt Ingeborg Woitsch. Die 51-jährige Heilpraktikerin für Psychotherapie und gelernte Buchhändlerin leitet seit vielen Jahren Schreibgruppen und gibt Fortbildungen in »Poesietherapie« in Berlin. Ursprünglich entstanden in den 1960er-Jahren in den USA, gibt es mittlerweile auch bei uns in Volkshochschulen, Tagungshäusern und in der Stille von Klöstern entsprechende Seminare und Schulungen.

In Beratung und Coaching ist Schreiben eine anerkannte Methode, denn es kann helfen, innere Blockaden zu lösen und persönlich stimmige Lösungen zu finden. In Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen wird Poesietherapie unter anderem bei der Behandlung von Krebspatienten eingesetzt. Die Ärztin Silke Heimes aus Darmstadt, die sich dafür einsetzt, dass die in den USA längst anerkannte Poesietherapie auch bei der hiesigen Ärzteschaft höheres Ansehen gewinnt, hat internationale Studien zum therapeutischen Schreiben analysiert und miteinander verglichen. Die Ergebnisse veröffentlichte sie in ihrem Buch »Warum Schreiben hilft«. Heimes zieht den Schluss, dass Schreiben eine Methode sei, die Wahrnehmungsfähigkeit zu fördern, Gefühle zu klären, Gedanken zu ordnen und lebensgeschichtliche Konflikte aufzuarbeiten.

Wie wird in Schreibwerkstätten der Mut zum Schreiben gefördert? Und wie schaltet man den »inneren Zensor« aus? Das und mehr lesen Sie in der Titelgeschichte des neuen Publik-Forum-Heftes, das am Freitag, 7. November, erscheint.

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