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(Foto:privat)

Tilman Vogt

Mein Volontariat bei Publik-Forum kann ich ohne Zögern als großen Luxus bezeichnen. Nicht gerade in Bezug auf die Bequemlichkeit – der 45-minütige Anfahrtsweg aus Frankfurt hinaus zur Redaktion am Stadtrand ist eher beschwerlich –, wohl aber in Bezug auf das Denken

Publizistik, die sich kritisches Nachdenken gestattet und dem Schraubstock der Sachzwänge entschlüpft, ist selten geworden, geradezu ein Luxusgut. Dass ich dieser Lockung eines Verwöhnprogramms für den Geist nicht widerstehen konnte, ist klar.

Geboren und aufgewachsen bin ich in der beschaulich-alternativen Wohlfühl-Metropole Freiburg. Doch so schön es zwischen Schwarzwaldgipfeln und Solardächern auch war, irgendwann packte mich die Lust, eine etwas schroffere, lebensnähere Realität kennenzulernen. Da passte es umso besser, dass ich mich in den letzten Schuljahren immer stärker für politische und gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre kritische Durchleuchtung zu begeistern begann. Schwer motiviert und mit Freude am Kulturschock zog es mich nach Berlin. Zum Studieren wählte ich, von einer etwas zu verspäteten 68er-Romantik beseelt, das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, zum Leben den damals noch als Problem-Kiez verschrienen Stadtteil Neukölln.

Der Schritt in die große Stadt hat sich gelohnt. Um im urbanen Treiben nicht unterzugehen, machte ich einige Tauchübungen. So engagierte ich mich in einigen sozialen und kulturellen Initiativen in der Nachbarschaft und begann, erste Zeitungsartikel über das Erlebte zu schreiben. Hinzu kamen Film-, Musik- und Buchrezensionen. Nach einem spannenden Studiensemester in Paris, das dem Wahlberliner vor allem durch einen mehrmonatigen Studentenstreik und Ausschreitungen in den Vororten eine Lektion in Sachen Bildungskämpfen und Stadtentwicklung erteilte, wurde das soziokulturelle Leben in Frankreich zu einem weiteren Schwerpunkt meiner journalistischen Arbeit. Regelmäßig berichtete ich für die Jüdische Allgemeine aus Frankreich, wobei mir immer bewusster wurde, dass das Verhältnis der scheinbar säkularen Staaten zu Religionsgemeinschaften – zumal in Einwanderungsgesellschaften – mitnichten so geklärt ist, wie weithin angenommen.

Das schillernde Verhältnis von Politik und Religion begann mich immer mehr zu faszinieren. Und auch in Berlin am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte, wo ich als studentische Hilfskraft arbeitete und Seminare gab, wurde dies zunehmend mein Thema: Ich lernte, dass die gesamte Geschichte eine Geschichte umkämpfter Grenzziehungen zwischen weltlicher und geistiger Macht war und ist. Egal ob progressiv oder reaktionär: Religiöse Motive sind aus politischen Bewegungen bis heute nicht wegzudenken. Was das konkret heißt, wird wohl nirgends so ausgreifend dargestellt, wie in Publik-Forum, Hier bin ich am richtigen Ort.

Dass sich der Anspruch auf ein besseres Leben auf Erden für Alle und die Suche nach Sinn nicht ausschließen –, diese Position ist in Politik und Kirchen selten genug. Noch stärker gilt das für den Journalismus. Nach einer Zwischenstation als Lektor, Übersetzer und Archivmitarbeiter für den Suhrkamp-Verlag bin ich nun sehr glücklich, dass ich im Rahmen meines Redaktionsvolontariates bei Publik-Forum die Möglichkeit bekomme, mein journalistisches Handwerk zu lernen: in einem kritischen, streitbaren und tiefgründigen Medium. Purer Luxus eben.

KURZBIOGRAFIE: Tilman Vogt, geboren 1983, ist seit Oktober 2012 Redaktionsvolontär bei Publik Forum. Abitur am Deutsch-Französischen Gymnasium in Freiburg; Studium der Politikwissenschaften an der FU Berlin und an der Université Paris 8. Während des Studiums und danach Mitarbeit und Lehraufträge am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte, freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Rundfunk und zuletzt freier Lektor und Übersetzer für den Suhrkamp-Verlag in Berlin.