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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Unbehagen im Sonnenschein

von Tilman Vogt vom 17.05.2013
Die Erinnerung an den Faschismus war ein Gründungsimpuls des Kirchentags: Hat der Blick in die Vergangenheit noch Zukunft?

Gute Stimmung hält an«, so lautet die erbauliche Titelzeile der offiziellen Kirchentagszeitung vom 3. Mai. Strahlender Sonnenschein, Jugendgruppen mit Klampfe und Trompete, Gewusel auf den Plätzen der Stadt. Unbestreitbar, dass auf dem Kirchentag Festival-Atmosphäre herrscht. Unbestreitbar auch, dass die meisten Besucher nach Hamburg gekommen sind, um an diesem Gefühl teilzuhaben. Doch wie verhält sich diese Erwartung zu dem ursprünglichen Gründungsimpuls des ersten Kirchentages 1949, dem ernsten Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft und der Kritik an der evangelischen Kollaboration?

Die schiere Masse an Veranstaltungen, Konzerten und Events hat das früher so wichtige Thema »Erinnerung« an den Rand gedrängt. Auch geografisch, wie böse Zungen anmerken könnten. Denn das dazugehörige Forum findet dreißig Kilometer entfernt vom eigentlichen Kirchentagsgeschehen im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme statt.

Eine Enklave für notorische Trauerklöße und Kranzgebinde-Anbeter, schön abgetrennt von der Feierstimmung in der Stadt? Gegen solche Unterstellungen muss man den Kirchentag in Schutz nehmen. Gar nicht so sehr, weil die Organisatoren dem traditionellen Protokoll Genüge tun und noch vor dem Eröffnungsgottesdienst eine Gedenkveranstaltung für Opfer der Nazis, diesmal für die verfolgten Sinti und Roma, abhalten. So paradox es klingt: Nicht die Fokussierung auf die Vergangenheit, sondern die Betrachtung der Jetztzeit bildet den innovativen Kern der Erinnerungsarbeit auf dem Kirchentag. Denn auch der Blick in Richtung Vergangenheit muss sich der Gegenwart stellen, damit er uns in Zukunft noch etwas zu sagen hat.

Deutlich wird dies nicht zuletzt anhand der Zeitzeugengespräche, einem ebenso unverzichtbaren wie klassischen Bestandteil des Gedenkens. In den völlig überfüllten Veranstaltungen, in denen ehemalige KZ-Häftlinge von ihrer Leidenszeit erzählen, herrscht ehrfürchtige Stille. Nur zeitweilig wird sie unterbrochen von aufbrausendem Applaus aus dem Publikum. Dieser zielt merklich darauf ab, im Nachhinein doch noch ein wenig der von Vätern und Großvätern verübten Qualen zu heilen. So irrig diese Hoffnung auch sein mag, so hilflos menschlich wirkt sie.

Dass die ehrfürchtige Stille, für die Zukunft konserviert, allerdings auch beklemmende Züge annehmen kann, kommt auf dem Podium »Unbeha

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