Vatikan-Demokratie: Wer fragt, gewinnt
»Papst startet Meinungsumfrage« titelte Zeit online. »Papst befragt alle Katholiken zu ihrer Meinung zu Ehe und Familie«, hieß es bei The Huffington Post. Doch gemach: Weder hat Franziskus ein Meinungsforschungsinstitut gegründet, noch geht es ihm um Meinungen, erst Recht nicht um die von Laien. Denn das, was die Kirche zu Liebe, Sex und Familie zu sagen hat, bezeichnet ein Vorbereitungsdokument zur geplanten Bischofssynode im Vatikan über die Familienseelsorge – terminiert auf Oktober 2014 – als »das Evangelium über die Familie«. Das heißt: Die lehramtliche Wahrheit bleibt, wie sie ist.
Jenes »Evangelium der Familie« beinhaltet nichts anderes als die traditionelle katholische Ehelehre: Die Ehe besteht aus der lebenslangen Verbindung von einer Frau und einem Mann, ist von Gott grundgelegt, ist von Natur aus auf das Wohl der Gatten und Nachkommenschaft ausgelegt – und sakramental. Eine lange Beweiskette – angefangen von Adam und Eva über Jesus bis hin zu den Enzykliken Humanae Vitae und Familiaris Consortio – sichert diese Darstellung ab. Damit ist auch das Ziel der Bischofssynode im Herbst 2014 klar: »Die Lehre des Glaubens in Bezug auf die Ehe muss wirksam und kommunikativ vorgelegt werden«, heißt es im Vorbereitungstext.
Das Problem, das der Vatikan lösen möchte, ist lediglich dies: Wie können verwirrte Katholiken weltweit wieder an die lehramtliche Wahrheit herangeführt werden? Eine Wahrheit, die sich ihnen durch kirchenfeindlichen Feminismus und relativen Pluralismus irgendwie verdunkelt hat? Also: Alles wie immer.
Trotzdem: Eine Befragung findet statt. Und das macht erst mal ein gutes Image. Erzbischof Lorenzo Baldisseri, Generalsekretär der Bischofssynode, »bittet« darum, den Fragebogen »unverzüglich« und »so weit wie möglich in die Dekanate und Pfarreien zu verteilen«, um »lokale Quellen« einzubeziehen.
Doch natürlich gilt der alte Ratzinger-Gedanke weiter, nach dem der Sensus Fidelium automatisch über die Bischöfe sichergestellt ist. Es reicht nach katholischer Lehre also immer noch, sie zu befragen, um zu wissen, was die Gläubigen glauben. Die US-Bischofskonferenz hat denn auch schon erklärt, die Fragen nicht an alle Katholiken weitergeben zu wollen. Dagegen hat die katholische Bischofskonferenz von England und Wales den Fragebogen bereits für das Internet aufbereiten lassen, wo ihn jede und jeder nach Belieben ausfüllen kann. Katholisch muss man dafür nicht sein.
Und der Papst? Er rüttelt keinesfalls am kirchenamtlichen »Evangelium der Familie«. Durch ihn wird auch kein neuer Weg der Laienbeteiligung erschlossen. Hingegen löst es Verwunderung aus, welche Fragen für den Vatikan noch offen sind. Zum Beispiel diese: »Ist das Zusammenleben »ad experimentum« – ohne Trauschein – eine relevante pastorale Wirklichkeit?« Ob es Menschen gibt, die überhaupt noch bereit und nicht zu müde wären, dem Lehramt von der Lebensrealität zu erzählen? Ob es etwas nützen würde, sei dahingestellt. n
