Revolution als christliche Pflicht

Er war Priester. Und für die höchste Form der Liebe zu den Armen hielt er es, sich der marxistischen Guerilla anzuschließen. Mit Waffen allerdings konnte Camilo Torres nicht umgehen; schon bei seinem ersten Gefecht mit Regierungstruppen starb er. Das war vor 60 Jahren, am 15. Februar 1966, im kolumbianischen Dschungel. Torres wurde nur 37 Jahre alt. Um keinen Wallfahrtsort zu schaffen, verweigerte man ihm ein Begräbnis. Viel später erst erlaubte eine der vielen rechtskonservativen Regierungen in Bogotá, dass nach Torres’ Gebeinen gesucht wurde. Die Suche zog sich zehn Jahre hin. Erst vor wenigen Wochen, unter Kolumbiens erstem linken Regierungschef Gustavo Petro, meldeten Gerichtsmediziner, sie hätten wohl Torres’ sterbliche Überreste gefunden. Sie sollen, so Petro, »ehrenvoll« auf dem Campus der Nationaluniversität bestattet werden – doch auch das verzögert sich.
Auch vieles von dem, wofür Camilo Torres lebte, kämpfte und starb, hängt in der Schwebe: Die Landverteilung zugunsten der Kleinbauern, wie sie im Friedensabkommen 2016 vereinbart worden war, ist nicht einmal zu zehn Prozent umgesetzt. Viele Bauern sind aus Not zum Anbau von Koka zurückgekehrt; Kolumbien ist wieder zum weltgrößten Produzenten von Kokain geworden. Gewalt und Kämpfe zwischen Kartellen, Milizen und der Armee sind an der Tagesordnung. 8,3 der 53 Millionen Einwohner sind Binnenvertriebene.
Torres, aus reicher Bürgerfamilie stammend, näherte sich den Lebensbedingungen seiner Landsleute von der akademischen Seite. Er promovierte über die »Proletarisierung von Bogotá«, studierte (auch in Belgien) Theologie, wurde 1954 geweiht. Als Professor in Bogotá beschloss er dann, in den realen Kampf für die Armen einzutreten. »Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir wissen, dass Hunger tödlich ist?«

Streit mit seinem Bischof blieb nicht aus: die kirchliche Hierarchie stellte karitative Mildtätigkeit über Gesellschaftsveränderung. Torres beantragte die Laisierung, versuchte, christliche Sozialdemokraten, gemäßigte Liberale, Arbeiter und Kommunisten in einer »Einheitsfront« zusammenzuschweißen. Als das scheiterte, schloss er sich der marxistischen »Nationalen Befreiungsarmee« an. Der »Aufruf an die Christen« vom Januar 1966, mit dem er dies begründete, gilt als Schlüsseltext einer beginnenden Befreiungstheologie: »Revolution ist dem Christen nicht nur gestattet, sondern sie ist seine Pflicht, wenn sie die einzige wirksame und hinreichende Möglichkeit ist, die Liebe zu allen durchzusetzen.«
Torres wurde zu einer Ikone, ähnlich wie Che Guevara in Kuba. Inzwischen scheinen unter den kolumbianischen Bischöfen wenigstens einige ihren Frieden mit ihm gemacht zu haben. Zu den Knochenfunden allerdings hat sich die Bischofskonferenz noch nicht geäußert.




