Nackt im Dom?
Britta Baas: »Ja, solche Schocks sind bitter nötig«
»›Das Bild einer nackten Frau auf dem Altar ist ein Bild, das bleibt.‹ Das ist Josephine Witts Erklärung dafür, warum sie allen Mut zusammennahm und sich öffentlich mit entblößtem Oberkörper zeigte – vor allen Gottesdienstbesuchern, vor dem Kardinal. Auf ihrer Brust stand mit Hautfarbe geschrieben: »I am God.«
Schamlos? Schockierend? Sensationslustig? Genau! Exakt diese Eigenschaften sind es, die das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den Frauen bezeichnen. Schamlos nutzt sie sie aus, gibt ihnen keine Möglichkeit zu predigender Präsenz im Gottesdienst, zu gleichberechtigtem Handeln in der Kirche, zu lebendigem Streit mit der herrschenden Männerclique. Schockierend ist ihre Ignoranz gegenüber dem Balken im eigenen Auge. Nichts, aber auch gar nichts verstehen Männer wie Joachim Meisner, der in ebenjenem Gottesdienst postwendend für ›die arme, kranke Frau‹ zu beten sich anschickte und ihr den Segen erteilte. Das war Blasphemie in Reinkultur – nicht der Schriftzug ›I am God‹ auf dem Busen von Josephine Witt. Dort prangte er zu Recht, weil er an genau jenem Körperort deutlich machte: Auch Frauen sind – freie und selbstbestimmte – Ebenbilder Gottes, nicht nur Männer. Sensationssüchtig geiferten aber auch noch Tage später ›gute Katholiken‹ über die Nackte auf dem Altar. Sie hüllten sich in den Mantel der Moral: Wie konnte man uns so etwas antun? Im Dom! Zu Weihnachten! Und vor dem Kardinal!
In der Tat: Es wurden religiöse Gefühle verletzt. Aber war nicht genau das nötig? Wollen wir eine Religiosität konservieren, die zu einem nicht unwesentlichen Teil darauf fußt, Frauen zu degradieren? Vielleicht stimmt ja etwas nicht mit diesem religiösen Gefühl? Falls es so wäre, könnte man darüber schockiert sein. Über eine Halbnackte auf dem Altar aber auf den zweiten Blick nicht.«
Eva Baumann-Lerch: »Nein, die Aktion ist verletzend«
»Wenn Glaubende gemeinsam Gottesdienst feiern, wenn sie beten, innehalten und sich für transzendente Erfahrungen öffnen, machen sie sich empfindsam und schutzlos. Wer diesen heiligen Moment für eine schrille Provokation benutzt, um eine maximale mediale Aufmerksamkeit zu erzielen, verletzt die Betenden in ihrer tiefsten, wehrlosen Intimität.
Eine solche Aktion wäre allenfalls berechtigt, wenn damit Leben gerettet, Gefangene aus Konzentrationslagern befreit oder Kriege verhindert werden sollten. Josephine Witt aber hat außer ein paar pauschalen Sprüchen (›Wir richten uns gegen die Institution Kirche und Menschen wie Meisner, die sie nutzen, um Frauen zu unterdrücken‹) keine ernst zu nehmende Begründung für ihren spektakulären Sprung auf den Altar. Weder steht sie in Kontakt zu Frauen, die sich zeit ihres Lebens mit all ihrer Kraft und Kreativität für die Gleichberechtigung in der katholischen Kirche einsetzen, noch lässt sie irgendeine Strategie erkennen, die das gewaltige Medieninteresse nach der Provokation zielgerichtet für die Sache der Frauen weiterführen könnte.
Auch der Ausruf ›Ich bin Gott!‹, den die Oben-ohne- Aktivistin von der Höhe des Altares in den Kölner Dom hinausrief, benennt keine politischen Visionen oder Ziele. Er scheint vielmehr auf die größenwahnsinnige Vorstellung einer exhibitionistischen Persönlichkeit hinzudeuten, die es mit aller Gewalt dazu drängt, von einer großen Öffentlichkeit als nackte Gottheit auf dem Altar verehrt zu werden. Die frauenfeindliche Position von Kardinal Meisner, der ziemlich gelassen auf die Provokation reagieren konnte, wurde damit nicht infrage gestellt, sondern eher noch verstärkt.«
Eva Baumann-Lerch, geboren 1957, ist seit dem 1. Januar 2014 Redakteurin im Ressort »Leben und Kultur« von Publik-Forum.
