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Dein Name sei Freiheit

Paulus, Luther, Gauck: Wann ist das Leben des Christen frei? Und was heißt das für die, die keine Christen sind? Eine politische Debatte – voller Fragen an die Welt der Theologie
von Britta Baas vom 23.06.2012
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Paulus, Luther, Gauck: Wann ist das Leben des Christen frei? Und was heißt das für die, die keine Christen sind? (Foto. pa/Junophoto)
Paulus, Luther, Gauck: Wann ist das Leben des Christen frei? Und was heißt das für die, die keine Christen sind? (Foto. pa/Junophoto)

Jesus hätte es sich nicht träumen lassen. Dass aus seiner überschaubaren Anhängerschar der Grundstock für eine Weltreligion werden würde, war für ihn nicht abzusehen. Der heute 89-jährige Jörg Zink, evangelischer Theologe, Publizist und Fernsehmacher, ist noch immer fasziniert davon, wie »aus einem kleinen Kreis verschreckter Menschen« so schnell »eine dynamische Wanderbewegung« wird – und wie der jesuanische Geist den Jesus-Nachfolgern hilft, schwierige Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, mit denen »der Meister« selbst in seinem galiläischen Mikrokosmos nie konfrontiert war.

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Es sind Entscheidungen zur Freiheit, die das junge Christentum prägen. Und weil das so ist, beansprucht das Christentum für sich, eine Religion der Freiheit zu sein. Sie muss sich bis heute darin beweisen, dass sie ihrem eigenen Anspruch gerecht wird.

Jüngstes Beispiel: Joachim Gauck. Der evangelische Theologe und aktuelle Bundespräsident hat die Freiheit zu seinem Programm erklärt. Über »Freiheit« hat er eine Denkschrift verfasst, die zu seinem Amtsantritt die fünfte Wiederauflage erfuhr. Über Freiheit sprach er jüngst auch in einem Interview der Wochenzeitung Die Zeit. Da lobte er, der »Sehnsuchts-Wessi aus dem Osten«, wie ihn die Befrager nannten, den Westen als »das Reich der Freiheit« und sagte, er sei mit all seinen »Überzeugungen westlichen Werten verpflichtet«.

»Freiheit, die wir meinen«: Bürgerrechtler denken anders als Gauck

Was heißt das für den Christenmenschen Gauck? Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wie Friedrich Schorlemmer, Heino Falcke, Almuth Berger, Joachim Garstecki und Ruth Misselwitz analysieren dessen Freiheitsbegriff als individuell, als konservativ, als privilegiert. In einer Denkschrift zum Amtsantritt des Bundespräsidenten warnten sie davor, wie wenig die Gaucksche Freiheit auf Gerechtigkeit für alle ziele und stattdessen eine »Freiheit von« meine: vom Kommunismus, von Bevormundung, vom Eingesperrtsein in einem Land, das keine Reisefreiheit ermöglichte. Und sie deuteten in ihrem Text »Freiheit, die wir meinen« auch an, dass Gaucks Ideal von Freiheit nicht wirklich für einen Christen tauge.

Wo liegt das Problem? Eine Antwort findet, wer nach den Anfängen des Christentums fragt. Die Evangelien stellen – mit unterschiedlichen Akzenten – einen Jesus vor, der an die nahe Gottesherrschaft glaubt, an eine Welt, in der universelle Freiheit existiert. Seine Heilungen »signalisieren das Ende der Mächte«, beschreibt der katholische Theologe Thomas Pröpper das Wirken Jesu. Der Mann aus Nazareth predigt Armut und Feindesliebe, missachtet »alle geltenden Trennungen seiner Zeit und stellt die Liebe über das Gesetz«.

Dieses Erbe ist schwer zu verwalten. Das merkt ein bedeutender Nachfolger Jesu schon wenige Jahrzehnte nach dessen Tod. Wie kann man jesuanische Freiheit leben, ohne mit den Gesetzen der Juden, der Römer und Griechen in Konflikt zu geraten? Das fragt sich Paulus. Und er stellt fest: Sich zu Jesus zu bekennen ermöglicht nicht die »Freiheit von« den Anforderungen und Anfragen der Umwelt. Vielmehr geht es um eine »Freiheit zu« etwas: nämlich in offener Gemeinschaft nach neuen Formen des Zusammenlebens zu suchen.

In diesem Geist löst Paulus einen der ersten großen Konflikte der Glaubensgemeinschaft nach Jesu Tod: Darf einer Christ werden, der kein Jude ist? Muss Speise- und Ritualvorschriften einhalten, wer zur Bewegung gehören möchte? Müssen Männer beschnitten werden? Paulus entscheidet den Streit als global agierender Vordenker und erster weltweit bekannter christlicher Theologe: Wer Jesus nachfolgen möchte, muss Ja sagen können zur Kernbotschaft des von ihm verkündeten »Menschheitsretters«: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Ansonsten gibt es keine Beschränkungen: »Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus«, schreibt er an die Galater (Gal. 3, 28). Und auch: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!« (Gal. 5, 1)

Wer ein freier Christenmensch sei, beschäftigt in den folgenden Jahrhunderten immer wieder die Theologen. Augustinus, Hildegard, Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin denken und schreiben über die Freiheit. Martin Luther bricht im Jahre 1520 einen Freiheitsstreit vom Zaun, der in eine große Reformation mündet. Er prangert die vermeintlich »heilige Ordnung« an, die aus der Ständegesellschaft und -kirche des Mittelalters kommt.

Luther leitet einen Paradigmenwechsel ein

Luther beruft sich auf Paulus: Weg mit einer Heilslehre, die den Zugang zu Gott davon abhängig macht, wie korrekt der Einzelne sich einfügt in das, was kirchliche und weltliche Macht von ihm verlangen! Stattdessen sagt Luther: Der Christenmensch ist frei. Er ist es allein durch seinen Glauben, er ist es durch Gnade, nicht durch seine Taten. Dass es Luther später nicht schafft, aus seinen Freiheitsgedanken auch die nötige Freiheit der Bauern abzuleiten, ist ein anderes, ein tragisches Kapitel der Reformation. Dennoch leitet er einen Paradigmenwechsel ein. Luther lehrt: Der Christenmensch soll nicht nur frei sein von der alten Ordnung, er soll frei werden zu neuem Denken, zu einer neuen Freiheit. Er soll sich öffnen können für Begegnungen jenseits von Standesgrenzen, für eine neue Welt: »Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‹«, zitiert Luther Paulus.

Die Freiheit zu neuem Denken ist Christinnen und Christen auch heute in Wertschätzung ihrer Glaubenstradition aufgegeben. Ein freier Christenmensch, der einen »Glauben lebt, der durch die Liebe tätig ist« (Gal. 5, 6), kann sich nicht, wie es Joachim Gauck tut, mit der Freiheit von Ideologien, von Reise- und Denkverboten begnügen. Bei diesem eingeschränkten Freiheitsbegriff zu verharren führt konsequent zum ebenfalls von Gauck geprägten Begriff der »bewahrenden Freiheit«, der darauf setzt, dass zuerst verteidigt werden muss, was an Freiheit von ... schon erreicht wurde.

Kann man Muslime willkommen heißen, nicht aber ihre Religion?

Doch wer verteidigt, definiert immer auch Feinde. Gauck identifiziert im Zeit-Interview zum Beispiel den Islam als freiheitsgefährdend. Er will die Muslime willkommen heißen in der westlichen Freiheit, nicht aber ihre überlieferte Religion und Religiosität, deren Distanz zu Europa, zur Aufklärung und Reformation er betont.

Paulus aber, der der inneren Freiheit der Christen vor 2000 Jahren Bahn brach, lehrte seine Gemeinden, nicht nur den Fremden, sonder auch ihren Gedanken frei zu begegnen. Er lebte mit dem positiven Verdacht, von ihnen etwas noch Ungeahntes über Gott und die Welt erfahren zu können. »Öffnet euch!« ist die Botschaft des Paulus – bei aller Unzulänglichkeit des Botschafters selbst. Sie prägte die Theologie der Christen von Anfang an.

Und so fragt sich: Kann die freie westliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts frei bleiben, wenn sie allein darauf beharrt, die existierende Freiheit zu bewahren? Die ersten Christen erlebten: Das bestehende Gute zu verstetigen hat Wert – aber nur dann, wenn es konsequent auf die sich verändernde Gesellschaft angewandt wird. Es galt und gilt die Goldene Regel, die in allen großen Religionen beheimatet ist und die im 20. Jahrhundert die universalen Menschenrechte zu formulieren half: »Was du nichts willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Ein freier Christenmensch, der sich dieser Regel erinnert, akzeptiert Menschen mit ihrer Religion und lernt zu unterscheiden – zwischen Glaube und Ideologie, zwischen Vorurteilen und begründeten Urteilen über das Anderssein der Anderen. Er wird dabei erfahren: Nicht alle Muslime sind Salafisten. Und der Islam ist nicht einfach ein Anti-Demokratie-Programm, sondern hat Potenzial zur Freiheit. Wer der Goldenen Regel folgt, wird offen für einen Dialog, in dem dieses Potenzial herausgefordert wird.

Die neue Freiheit, die aus der Vielfalt entstehen wird, macht auch den Christenmenschen wieder frei. Noch fehlt zu vielen Christen der westlichen Welt das Gefühl dafür, dass sie nur Christen bleiben können, wenn sie nach dieser Freiheit streben.

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Personalaudioinformationstext:   Britta Baas ist Publik-Forum-Redakteurin und verantwortliche Redakteurin für Publik-Forum.de
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